Montag, 24. Oktober 2016

Kompromisslose Orientierung an den Leserinteressen - die Digitalstrategie von Gruner + Jahr

Starke Zeitschriftenmarken sind ein guter Ausgangspunkt für Innovationen und Diversifikation. Dennoch muss ein Verlag weiter Denken, wenn er wirklich innovative Geschäftsmodelle umsetzen möchte. Im Mittelpunkt der Digitalstrategie von Gruner + Jahr stehen Kunden und Communities, wie Arne Wolter, Chief Digital Officer Gruner + Jahr und Referent auf dem nächsten Zukunftsforum Zeitschriften, im folgenden Interview erläutert.

Arne Wolter
Starke Zeitschriftenmarken sind der Kern des Geschäftsmodells von Gruner  Jahr. Wie nutzen Sie diese als Basis für Innovation und Diversifikation?
Arne Wolter: Im Zuge unserer Transformation haben wir eine Strategie entwickelt, an der wir uns ganz klar orientieren. So denken wir zunächst in Inhalten und wollen mit diesen auf allen relevanten Plattformen präsent sein. Dabei orientieren wir uns kompromisslos an den Interessen unserer Leser und Nutzer, für die wir dank unserer Communities of Interests – Living, Women, Family, Food, People & Fashion, News, Wissen sowie Wirtschaft & Special – ein tiefes Verständnis haben.  Dieses Verständnis, diese fundierte Kenntnis unserer Nutzer, hilft uns, im Kontext unserer Inhalte neue Geschäftsmodelle bzw. Zusatzgeschäfte aufzubauen und weiterzuentwickeln. Nehmen Sie beispielsweise den SCHÖNER WOHNEN Shop, den wir jüngst lanciert haben. Ein perfektes Beispiel, um zu beschreiben, wie wir uns an den zu uns passenden Inhalten orientieren: Die Zeitschrift SCHÖNER WOHNEN sorgt für den Content, SCHÖNER WOHNEN Digital bietet die Community und der Shop macht die von der Redaktion im Heft vorgestellten und ausgewählten Produkte erleb- und kaufbar.  Und dann gibt es ja auch schon länger die SCHÖNER WOHNEN-Farbe im Baumarkt. 

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welche Innovation und Diversifikation in das Portfolio passt?
Arne Wolter: Sie müssen zu uns passen, zu unseren Inhalten und zu unseren Lesern und Nutzern. So positionieren wir uns im Digitalbereich stets entsprechend der Bedürfnisse unserer Communities und nutzen das Knowhow über diese Communities auch, um Zusatzgeschäfte wie Commerce, Lizenz-Geschäfte, Paid Services, etc. zu betreiben.

Nehmen Sie zum Beispiel Club of Cooks als Exempel für organisches Wachstum und unsere Content-Community-Commerce-Strategie. Unser FoodTuber-Netzwerk, das wir letztes Jahr aus unserem Innovation Lab Greenhouse heraus gegründet haben und das bereits acht Millionen Food-Begeisterte auf YouTube erreicht und auf Facebook rund 400.000 Fans hat. Es passt zu uns, weil wir mit unseren starken Marken wie ESSEN UND TRINKEN oder Chefkoch.de klare Expertise im Bereich Food haben und mit einer spannenden Community in Kontakt stehen. Mit Club of Cooks vereinen wir zudem Influencer, die auf YouTube im Koch- und Genussbereich aktiv sind und integrieren ihre Videos wiederum auf unseren Sites für Food-Interessierte wie
Chefkoch.de, Stern.de oder Brigitte.de.

Oder denken Sie an die französische Cerise-Gruppe, die unter anderem die Websites
Gentside.com und Ohmymag.com betreibt und eines der führenden digitalen Medienunternehmen im Bewegtbildbereich in Frankreich ist. Unsere Tochter Prisma Media hat die Gruppe dieses Jahr akquiriert und erzielt nun eine monatliche Bewegtbildreichweite von 7,5 Mio. Unique Usern und damit Platz drei im Bereich Mobile-Reichweite. Cerise passt ebenfalls perfekt zu G+J – von der Zielgruppe, der Qualität, den Themen und das mit dem Fokus auf Bewegtbild.

Wie weit darf, kann oder muss sich ein Medienunternehmen bei der Diversifikation vom Markenkern Zeitschriften entfernen?
Arne Wolter: Das muss jedes Haus für sich entscheiden. Da gibt es kein Dürfen oder Müssen. Wir bei Gruner + Jahr glauben, dass wir mit unserem Ansatz und der Orientierung an unseren Marken die für uns richtige Strategie gefunden haben.

Sie betreiben ein „Innovation Lab“. Wie funktioniert dies, und wie wird es in das Haus eingebunden?
Arne Wolter: Wir haben mit dem Greenhouse einen Ort geschaffen, an dem wir experimentieren können – mit neuen Ideen, Technologien und Geschäftsmodellen. Jeder Mitarbeiter von Gruner + Jahr kann Vorschläge für Projekte einreichen. Das Ziel ist es dann, in unserem Innovation Lab innerhalb von ca. drei Monaten alle Annahmen zu prüfen, die einer Idee zugrunde liegen. Ähnlich wie in vielen erfolgreichen Start-Ups entwickeln wir schnell Prototypen und machen einen Realitätscheck: Begeistert das Produkt die Menschen da draußen? Es soll nicht darum gehen, dicke Konzeptpapiere und ausführliche Businesspläne zu schreiben, sondern darum, schnell herauszufinden, ob eine Idee zur Umsetzung taugt – ob Gruner + Jahr mehr Zeit und Geld investieren sollte. Das ist auch unserer CEO Julia Jäkel besonders wichtig, darum hat sie die Schirmherrschaft übernommen. Wichtig ist, dass wir vieles ausprobieren und wenig erfolgversprechende Ideen früh scheitern lassen, damit wir bei den guten Vollgas geben und diese bei G+J implementieren. Beispiele für solche Erfolge sind unter anderem unser Foodtuber-Netzwerk Club of Cooks oder unsere Influencer-Marketing-Plattform InCircles. Aber auch die „gescheiterten“ Projekte sind für uns extrem wichtig, wir lernen darüber ganz viel.

Ihr Vortrag auf dem Zukunftsforum Zeitschriften heißt: „Innovation und Diversifikation bei Gruner + Jahr: Content, Community, Commerce sowie Digitalfonds und Innovation Lab“. Was wird die Kernaussage sein?
Arne Wolter: Kannibalisiere dich selbst, bevor es ein anderer tut – das wird zumindest die Message sein.

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