Donnerstag, 8. September 2016

"Wir wollen die perfekte Lesemaschine schaffen" - Interview mit log.os- Gründer Volker Oppmann

Wer wird zukünftig bestimmen, was und wie wir lesen können? Die Frage klingt plakativ provokant, doch sie ist mehr als berechtigt: Große Konzerne kontrollieren den Zugang zu Inhalten, der Nutzer muss sich für ein privates Ökosystem entscheiden. Diese Erkenntnis war das Leitmotiv von Volker Oppmann zur Gründung von log.os. Im folgenden Interview warnt er vor den Folgen dieser Entwicklung und stellt sein Alternativmodell vor: "Unser Ziel ist die perfekte Lesemaschine."

Wenn Bücher statt auf dem Papier digital gelesen werden, scheint die Veränderung nicht besonders groß zu sein: Der Inhalt ist gleich, statt Papier gibt es ein digitales Lesegerät. Doch in Wahrheit verändert sich hier ein ganzes Ökosystem. Was ist für Dich der Kern dieser fundamentalen Veränderung?

log.os-Gründer Volker Oppmann (Copyright Tobias Tanzyna)
Volker Oppmann: So überraschend das vielleicht klingen mag: Der Kern für mich ist weniger technologischer als vielmehr gesellschaftlicher Natur. Also die Frage, was diese Veränderung bedeutet. Das große Verdienst der industriellen Buchproduktion war ja nicht allein die Entstehung von Buchhandlungen und Verlagen, sondern die Demokratisierung von Wissen und die damit verbundene Demokratisierung des öffentlichen Diskurses. Das hatte in der Folge nicht nur zur Reformation (Luther-Bibel dank Gutenberg), zur industriellen Revolution sowie den gesellschaftlichen Revolutionen der letzten Jahrhunderte, sondern letztendlich auch zu unserer modernen demokratischen Grundordnung geführt. Durch die Entstehung besagter Ökosystemen laufen wir aktuell jedoch Gefahr, dass es zu einer Art Refeudalisierung kommt
– einige wenige kontrollieren den Zugang und die Nutzung von Inhalten. Und wir sind dabei, unser gesamtes kulturelles Erbe in die Hand von Großkonzernen zu geben.

Wenn ich das richtig verstehe, ist das Kernproblem die Privatisierung von Dateien, Lesege- räten, Darstellungs-software und Nutzungsdaten. Diese Tendenzen kennen wir aus anderen Bereichen ja auch – warum ist das im Buchbereich besonders kritisch?
Volker Oppmann: Es geht eben nicht nur um die „Privatisierung“ von Kulturgütern und persönlichen Daten, sondern um die Frage, wie wir als Gesellschaft funktionieren. Es geht um  Informationsmonopole, Meinungsmache und Deutungshoheit. Man erinnere sich nur an den erfolgreichen Versuch von facebook, Nutzer emotional zu steuern. Und angesichts dessen, was wir gerade in der Türkei, in Russland, in den USA (Stichwort: Trump) und teilweise auch hier bei uns sehen, kann einem das schon Sorgen machen. Wenn populistische Akteure auf den entsprechenden Plattformen bereits eine derartige Wirkung entfalten können, wie ungleich größer ist dann erst der Hebel derjenigen, die solche Plattformen steuern? Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt sind zentrale Errungenschaften der Moderne, ohne die eine demokratische Informations- und Wissensgesellschaft nicht funktionieren kann.

Welche Schlüsse habt Ihr bei log.os aus diesen Erkenntnissen gezogen?
Volker Oppmann: Dass wir nach wirksamen Mechanismen suchen müssen, die oben genannten Werte zu erhalten und zu verteidigen – nicht nur auf der inhaltlichen Ebene. Das heißt, dass wir das Thema auf sämtlichen Ebenen durchdeklinieren müssen – von der Organisationsstruktur über die rechtliche Konstruktion bis hin zur Produktentwicklung. Gerade im Hinblick auf das Produkt gehen wir neue Wege: Das Grundprinzip unserer Nutzerführung ist, den User zu jedem Zeitpunkt selbst entscheiden zu lassen, ob er sich im privaten oder öffentlichen Bereich bewegt. Es gibt keine versteckten Default-Einstellungen, die dem Nutzer ein bestimmtes Verhalten auferlegen. Außerdem verzichten wir auf die Verwendung eines Timeline-Algorithmus, der den Nutzer sowohl in seinem Konsumverhalten als auch in seiner Weltanschauung manipuliert. Unser Algorithmus heißt Mensch. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Kontrolle über die eigene Bibliothek.  Ebenso wir jeder Nutzer die Möglichkeit haben muss, bereits gekaufte eBooks in seine log.os Bibliothek zu importieren, muss er seine Bücher und Kommentare natürlich auch wieder mitnehmen können.

Das heißt: Alle Daten und Dateien, die ein Nutzer auf log.os ansammelt bzw. generiert, gehören ihm. Und alles, was öffentlich gemacht wird (wie z.B. Kommentare, Rezensionen oder Metadaten) gehört der Allgemeinheit und wird unter Creative Commons Lizenz (CC BY 4.0) zugänglich gemacht. Unser Geschäftsmodell basiert auf Bezahlinhalten und nicht auf dem Verkauf von Nutzerdaten.

Wo wollt Ihr ansetzen, um das log.os-System in einer von Großkonzernen dominierten
Medienwelt zu etablieren?
Volker Oppmann: Unser Ziel ist die perfekte Lesemaschine. Dazu gehört ein alles umfassendes Leseerlebnis, das neben der reinen Lektüre die Interaktion zwischen den einzelnen Nutzern fördert. Denn all das, was ich in der realen Welt mache, möchte ich natürlich auch in der digitalen Welt tun: Durch die Bücherregale von Freunden stöbern, mich über interessante Bücher unterhalten und nicht zuletzt Bücher verschenken. Und das Ganze auf einer Plattform, nicht verteilt über zig verschiedene Anbieter.

Unser Ansatz ist, im ersten Schritt nicht direkt an Endkunden zu vermarkten, sondern jene zu unterstützen, die sich professionell mit der Vermittlung von Literatur beschäftigen, allen voran Universitäten und kulturelle Institutionen. Auf inhaltlicher Seite wird ein ganz wesentlicher Punkt sein, dass wir nicht bei belletristischer Literatur stehen bleiben, sondern unser Angebot um journalistische und wissenschaftliche Inhalte erweiterten. Denn auch hier gilt: Ich möchte als Nutzer nicht zig verschiedene Bücherregale verwalten, sondern meine gesam- te Literatur an einer Stelle haben. Die Klammer ist Lesen. Außerdem können wir unseren Nutzern so neben dem perfekten Lesererlebnis nicht nur direkte Vernetzungsmöglichkeiten mit Autoren, Verlagen und Bloggern, sondern auch mit Freunden und Kollegen bieten, was Potenziale weit über die Grenzen der Branche hinaus erschließt.

Wenn ich die Diskussion in unserer Branche richtig verfolge, ist das von Dir angesprochene Problem der Privatisierung des Lesens kein großes Thema bzw. wird im Wesentlichen in Form von Amazon-Kritik debattiert. Wie beurteilst Du die Debatte und das Bewusstsein in unserer Branche?
Volker Oppmann: Das Bewusstsein dessen, was hier gerade passiert und was das sowohl für die Branche als auch für die Gesellschaft bedeutet, ist noch so gut wir gar nicht vorhanden. Man ist immer noch zu sehr mit sich selbst und den schmerzhaftesten Symptomen beschäftigt als einen Blick für die Ursachen zu haben. Denn auch Amazon ist lediglich ein Symptom und weit davon entfernt, die Ursache zu sein. Der eigentliche Umbruch steht uns erst noch bevor.

Um – ganz im Sinne der Aufklärung – ein Umdenken herbeizuführen, haben wir letzte Woche gemeinsam mit dem buchreport einen Themen-Channel ins Leben gerufen, der sich mit dem Thema nachhaltiger Medienkonsum (kurz: Bio-Media) beschäftigt. Dort werden wir, ebenso wie auf unserem Blog, kluge Köpfe aus den unterschiedlichsten Bereichen zu Wort kommen lassen. Wir hoffen, dass wir damit den Horizont ein wenig über den sprichwörtlichen Tellerrand hinaus erweitern können ;-). Parallel dazu führen wir gerade erste Gespräche über ein mögliches Konferenzformat.

Weitere Informationen zu log.os:
Blog: http://blog.logos.social/#
Website: www.logos.social
Buchreport-Channel: https://www.buchreport.de/bio-medien-powered-by-log-os/

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