Mittwoch, 13. Juli 2016

Die Digitalisierung ist nur für die Untätigen eine Bedrohung - Interview mit Kleinverleger Marco De Micheli

Der Schweizer PRAXIUM-Verlag nutzt die Chancen der Digitalisierung, indem er seinen Kunden neben Büchern personalisierte Informationsdienste und Tools für die Unterstützung zur Arbeitsunterstützung anbietet. Allerdings, erläutert Verlagsleiter Marco De Micheli im folgenden Interview, stehe bei der Verlagsstrategie das Printprodukt nach wie vor im Mittelpunkt. Sein Fazit: Der Kunde gibt letzten Endes das Entwicklungstempo vor, nicht Technokraten und Euphoriker der Digitalisierung.

Praximum-Verleger Marco De Micheli
Fühlen Sie sich als Fachverlag von der digitalen Transformation bedroht oder sehen Sie eher neue Chancen?
Marco De Micheli: Für Untätige befürchte ich, wird es nicht nur eine Bedrohung sein, sondern wohl existenzgefährdend werden. Für jene, welche experimentieren und innovative Modelle entwickeln, überwiegen die Chancen. Der PRAXIUM-Verlag stellt sich den Anforderungen der Digitalisierung schon seit einiger Zeit. Wir sehen uns schon lange nicht mehr nur als reiner Wissensvermittler, sondern unterstützen unsere Leser mehr und mehr auch in deren betrieblichen Lern- und Arbeitsprozessen und in deren Unternehmens-Praxis mit digitalen Mehrwertleistungen.
Konkret realisieren wir die Personalisierung von Fachinformationen oder stellen unseren Kunden excelbasierende Analysetools oder Präsentationsfolien für die betriebliche Anwendung zur Verfügung. Bei einigen Werken bieten wir den gesamten Inhalt beispielsweise auch interaktiv in Form eines Online-Lernkartensystems an, was HR-Leuten in der Weiterbildung einen interessanten Nutzen stiftet oder entwickeln Bücher in digitaler Form, die dann vom Kunden nach und nach mit eigenen Erfahrungen modifiziert und Erkenntnissen individualisiert werden können. Wir realisieren die Digitalisierung in kleinen Schritten – vor allem darum, weil sich auch die Bedürfnisse unserer Kunden auf diese Weise verändern.
Warum streben Sie keine reinen Online-Lösungen an?
Marco De Micheli: Wir glauben, dass der Markt dafür noch nicht reif ist und viele Kunden noch zu stark mit traditionellen Printprodukten verwurzelt sind. Bei unserer Strategie steht das Printprodukt nach wie vor im Mittelpunkt. Der Kunde will das so, also gestalten wir auch unser Angebot entsprechend. Dies hat den grossen Vorteil, dass Kunden sich bei uns schrittweise mit digitalen Fachinformationen vertraut machen können und wir uns in der digitalen Transformation konsequent an Markt- und Kundenbedürfnissen orientieren und diese nicht aus den Augen verlieren. Den Hauptumsatzträger Printprodukt, welches ja auch bei unseren Kunden noch immer das Kernprodukt darstellt, zu vernachlässigen und digitale Lösungen zu stark zu fokussieren, die sich allzu oft als abenteuerliche und kostspielige Projekte herausstellen, ist für uns kein guter Weg. Bücher bleiben, in Print- und Digitalform, als Produkt für unser Geschäftsmodell noch auf lange Zeit unersetzlich – so lange, wie sie es auch für unsere Kunden sind.
Ist Content auch in Zukunft noch König?
Marco De Micheli: Mit Sicherheit, je länger je mehr sogar, ein immer mächtiger werdender, der sein Reich immer expansiver ausbaut :-). Besonders Fachverlage stehen vor dem Problem, dass das Überangebot an Informationen und die Gratiskultur im Internet (Fach)Informationen immer stärker entwerten. Verlage verlieren auch immer mehr ihre Gatekeeper-Funktion, da Inhalte im Internet immer besser werden, schneller gefunden werden und auf immer mehr Devices zugänglich sind. Dies zwingt auch uns als Verlag, die Qualität, den Nutzwert, die Aufbereitung, die Kompaktheit und die Aktualität des Contents – um nur einige Beispiele zu nennen -, laufend zu optimieren, um den Qualitätsvorsprung gegenüber Gratiscontent im Internet zu halten.
Die Qualitätsanforderungen und –kriterien an erstklassigen und nutzenstiftenden Content werden für Fachinformationen im Zuge der Digitalisierung immer vielfältiger und komplexer. Früher reichte es, aktuell, praxisnah und verständlich zu sein, heute kommen Fragen der Contentformen, des Medienverbundes, der Kompatibilität mit Social Media, der Umsetzbarkeit, der Interaktivität, der Individualisierungsmöglichkeiten, der sofortigen Verfügbarkeit, der optimalen Auffindbarkeit und mehr dazu.
E-Books stagnieren im Moment. War das auch wieder nur ein Hype und ist das gedruckte Buch doch stärker?
Marco De Micheli: Ich bin überzeugt, dass das auf lange Sicht nicht so ist. Ich denke, das E-Book wird das gedruckte Buch wohl in den nächsten 10 Jahren verdrängen. Unsere Enkelkinder werden in 20-30 Jahren in Museen wohl bemerken: „So umständlich hat man also einmal Bücher gelesen, so teuer produziert und dafür erst noch Bäume geopfert“. Für uns als Fachverlag sind E-Books besonders interessant. Wir können neue, jüngere Leser ansprechen oder Fachbücher mit Zusatzleistungen wie Analysetools und Kurzpräsentationen für die betriebliche Anwendung anreichern. Wir können auch wesentlich schneller auf aktuelle Themen reagieren; besonders interessant sind dabei die Aktualisierungsmöglichkeiten - konnte man dies bei gebunden Büchern alle zwei Jahre, ist es bei einem E-Book vierteljährlich oder bei Top-Themen gar monatlich möglich. Dies hat enormen Einfluss auf die Qualität und Zuverlässigkeit der Fachinformationen. Allerdings, auch hier muss man die Realität so sehen, wie sie ist: Bei uns liegt, wie bei vielen Verlagen, der Umsatzanteil von E-Books nach wie vor nur knapp über 10 Prozent. Und: Ganz verschwinden wird das gedruckte Buch genau so wenig wie es auch heute noch DVDs, Radio und das Kino gibt.
Wie aktiv sind Sie im Social Media-Bereich?
Marco De Micheli: Hier haben wir eine klare Strategie, die wir schrittweise aus praktischen Erfahrungen heraus definiert haben. Wir fokussieren uns als „Contentproduzent“, der wir als Verlag ja sind, auf unseren Blog hrpraxis.ch. Dieser ermöglicht uns ein gutes Google-Ranking, eine authentische Kompetenzvermittlung und eine ausgezeichnete Beachtung. Dies ist auch aus Zielgruppensicht sinnvoll: Blogs sind für Textleser die bevorzugte Social Media-Plattform - und unsere Kunden sind ebenfalls Leser. Es dominieren Buchauszüge, mit denen wir unsere Leser am besten von der Qualität und Nutzenstiftung unseres Verlagssortiments überzeugen können.
Die klare Priorisierung lohnt sich: Der Blog steuert über 20% zu unserem Traffic bei hrmbooks.ch bei (dem Verlag angeschlossene Online-Buchhandlung). Jedes Blog-Posting geht dabei automatisiert an Xing, Twitter, Facebook und Google+, welche zu einer breiten Online-Präsenz mit geringem Aufwand beitragen. Slideshare, Youtube und Pinterest sind weitere Plattformen, bei denen wir im Interesse der Reichweite präsent sind, aber mit klar geringerem Stellenwert. Facebook ist für uns als Fachverlag, der sich an professionelle BtoB-Zielgruppen wendet, nicht besonders interessant und erzeugte in der Vergangenheit immer wieder ungenügende Resultate. Die konsequent auf das Informationsverhalten und die –bedürfnisse unserer Kunden ausgerichtete Prioritätensetzung in der Selektion und Betreuung der Plattformen ist für uns in der Social Media-Strategie oberstes Gebot.
Was halten Sie vom Selfpublishing-Markt?
Marco De Micheli: Sehr viel, er könnte Verlage langfristig eines Tages sogar verdrängen oder zumindest stark bedrängen und deren Daseinsberechtigung in Frage stellen. Das hören viele meiner Kolleginnen und Kollegen nicht gerne, weil es geradezu ketzerisch anmutet, aber ich kann es nicht ausschliessen. Dieser neue Markt wurde von Verlagen auf elitäre oft arrogante Weise zu lange zu sträflich vernachlässigt und belächelt. Viele tun dies immer noch, was eine gefährliche Fehleinschätzung ist. Doch der Markt explodiert geradezu und hat meines Erachtens ein enormes Wachstumspotenzial, das jetzt erst so richtig in Fahrt kommt, auch im Fachinformationsbereich.
Auch wir haben noch keine adäquate Reaktionsweise gefunden und sind hier auch heute noch zu passiv. Im Falle unseres Fachverlages könnte ich mir aber beispielsweise vorstellen, ein Selfpublishing-Portal für Nischenthemen im Human Resource Management anzubieten, was das Fachinformationsangebot für den Kunden erhöhen würde, positive Synergien für unser Sortiment hätte und für uns auch ein Marketing- und Marktforschungsinstrument sein könnte, auf gute Autoren und attraktive Themen zu stossen. Wenn qualitativ hochwertige Inhalte daraus sogar auch noch in unser klassisches Sortiment einfliessen könnten, wäre dies eine weitere Wertschöpfung und wir müssten dabei nicht einmal mehr viel verdienen müssen.
Wagen Sie einen Blick in die Zukunft?
Marco De Micheli: Ich könnte mir vorstellen, dass die heutigen traditionellen Produkteformen Bücher, Webseiten, Zeitschriften, Zeitungen, TV-Sendungen usw. sich eines Tages im Zuge der Digitalisierung auflösen bzw. wegfallen und zu einer einzigen personalisierten und intelligent gesteuerten Cloud-Informationsplattform verschmelzen, auf die wir überall und jederzeit Zugriff haben. Agenten recherchieren individuell relevante, hochwertige Informationen und machen diese verfügbar, wenn wir in der Praxis vor der entsprechenden Problemstellung stehen.
Wovon ich überzeugt bin: Die digitale Transformation wird auch die Verlage erfassen und einige ordentlich durchschütteln. Ob sie disruptiv sein wird, weiss ich nicht, halte es aber wie oben angetönt, für möglich. Verlage müssen sich proaktiv auf diese Entwicklung einstellen und mit Kunden zusammen innovative Modelle entwickeln, die in eine mehr und mehr digitalisierte Arbeitswelt passen und vor allem auch die Akzeptanz der Kunden finden. Konkret: Verschiedene attraktive Contentformen entwickeln, welche auf individuelle Informationspräferenzen ausgerichtet optimale Problemlösungen des Kunden bieten und ihn auch im Workflow des Lernens und seiner Arbeitsprozesse unterstützen.
Aber sich der Digitalisierung allzu euphorisch zu verschreiben, ist riskant, da noch zu vieles im Wandel und unberechenbar ist und der Markt besonders im Bereich des Lesens und der Informationsverarbeitung viel träger ist, als dies viele Digitalisierungs-Propheten wahrhaben wollen. Zudem habe ich auch den Eindruck, dass die Digialisierung zu dominant wird und bald Formen einer Heilslehre für die Wirtschaft überhaupt annimmt. Und das Wichtigste: Auch der Kunde will das noch nicht. Und er ist es letzten Endes, der das Entwicklungstempo vorgibt und nicht Technokraten und Euphoriker der Digitalisierung, welche oft die Marktrealitäten verkennen und Dinge am Kunden vorbei entwickeln.
Die Fragen stellte Franziska Werfli, Fachredaktorin von hrmbooks.ch. Das Interview ist zuerst auf dem Portal der Initiative Mittelstand erschienen.

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