Freitag, 4. März 2011

Verlegen ohne Verlag: Nischenmarkt oder Zukunftsmodell?

Die Themen Self Publishing und E-Book sind in Deutschland Nischenthemen - Steckenpferde von Beratern, Dienstleistern und anderen Propheten in eigener Sache. OK, das Thema E-Book wird schon etwas ernsthafter diskutiert, wobei die meisten Verlage, gefragt nach Umsätzen und Marktrelevanz, müde abwinken.

Noch weniger Relevanz als E-Books hat für Verlage das Thema Selbstverlegen bzw. neudeutsch Self Publishing. In einer kleinen Diskussionsrunde mit Verlagsmanagern hat sich mein Eindruck einmal mehr bestätigt: Ohne uns Verlage, so die feste Überzeugung, können keine Beststeller entstehen. Selbstverlegen bleibt etwas für... naja...wenigstens wird es ohne Relevanz im Buchmarkt bleiben. Die zunehmende Zahl von professionellen Anbietern wie neobooks, epubli, triboox oder natürlich auch BoD wird zwar registriert, aber nicht als Wettbewerb wahrgenommen. Auch die Warnung von Tim O'Reilly, dass Verlage nur dann zukünftig eine Existenzberechtigung haben werden, wenn sie mehr Reichweite (und Umsatz) garantieren als ein Selbstverleger, wird nicht ernst genommen: Verlegen sei noch immer so komplex, der Vertrieb und das Marketing so teuer... Der schlechte Ruf der traditionellen Zuschussverlage trägt ein übriges zur Abwertung des Themas bei.

E-Book und Self Publishing: Das perfekte Paar

Ich halte Self Publishing, wie ich ja schon mehrfach hier geblogt habe, hingegen für eine (nicht für die) zukünftige Form der Verlegerei. Die Automatisierung des Produktionsprozesses, die On-Demand-Technologie und jetzt auch das E-Book senken die Vorabinvestitionen in unvorstellbare Tiefenregionen. Heute kann jeder ein Buch veröffentlichen, sogar für 0 Euro! Die Markteintrittsbarrieren, betriebswirtschaftlich gesprochen, sinken gen null. Dass dieses Modell tatsächlich funktionieren kann, beweisen jedoch nicht nur Plattformen wie lulu.com in den USA oder Shanda in China, sondern Bestsellerautoren einer neuen Generation.

Spiegel Online hat das jetzt in einem ausführlichen Artikel beschrieben: "Sie kennen Amanda Hocking nicht? Die Ex-Altenpflegerin ist Amerikas neue Bestseller-Autorin. Einen Verlag braucht sie nicht, um ihre Vampirromanzen zu veröffentlichen, die Auflagenmillionärin veröffentlicht direkt und digital per E-Book - und lässt den klassischen Buchmarkt ziemlich alt aussehen." Amanda Hocking ist die erste Autorin, die es auf eine offizielle Bestsellerliste geschafft hat: Sie hat allein im Januar und Februar je über 400.000 Bücher verkauft (siehe ihr Interview ebenfalls auf Spiegel Online). Bei 70% Umsatzbeteiligung ist Hocking mit 26 Jahren in knapp einem Jahr zur Millionärin geworden. Sicher, eine Tellerwäscherstory aus den USA, eine absolute Ausnahme, die jedoch das Marktpotential zeigt. Hockings Verlag: Amazon und Kindle, ihr Marketing: Twitter, Facbeook, Networking - siehe Tim O'Reilly!

Erfolgreiche Genres für diesen Vertriebsweg sind laut Spiegel massentaugliche Romane aus den Bereichen Liebe, Vampire, Krimi, Mystery, Fantasy und Science Fiction - also leichte Kost, die jedoch auch bei vielen klassischen Verlagen für Umsatz und Rendite sorgen.

Tim O'Reilly hat in einem TOC-Vortrag fünf Punkte genannt, in denen Verlage besser sein müssen, um weiter für Autoren interessant zu sein:
  • Things that require special expertise
  • Things that require scale
  • Things that are expensive
  • Things that require marketplace leverage
  • Things that are boring and time-consuming
Eine Analyse dieser Punkte zeigt: Durch die neuen Selbstverlagsinstrumente wie z.B. den Kindle und wegen der Marketingmöglichkeiten haben Autoren, die sich eine Community aufbauen, gute Chancen, es ohne Verlag zu versuchen. Risikokapital brauchen sie dafür nicht.