Donnerstag, 5. Mai 2011

Nicht wertig genug für Paid Content - oder: Das Dilemma vieler (Fach)Zeitschriften

Es ist verdammt ruhig geworden um das Thema Paid Content. Nach all den Wortgefechten befindet sich die Branche wohl in den Mühen der Ebene, um mit Brecht zu sprechen. Ich möchte das Thema hier mit einer Anekdote bereichern, die beispielhaft den Kern des Problems benennt.

Jüngst habe ich mit mit einem Chefredakteur eines Fachmagazins unterhalten. Er sah durchaus pessimistisch in die Zukunft, weil in seiner Branche sowohl die Zahl der Abonnenten als auch das Anzeigenaufkommen für sein Magazin schrumpfen werden. Er sinnierte daraufhin über neue Erlösformen, und so landeten wir bei der Option Paid Content. Der Chefredakteur winkte ab: "Wir haben das ausführlich diskutiert und geprüft. Leider haben wir dafür keine Inhalte. Nichts, wofür die Kunden Geld zahlen würden."

Die Sprengkraft dieser Aussage ist mir erst Tage später aufgegangen. Denn sein Printmagazin verschenkt er nicht, sondern bepreist es mit einer hohen Abogebühr. Daraus ergeben sich vier Fragen:
  1. Was sind wertige Inhalte, für der Nutzer sogar online Geld bezahlen würde?
  2. Sind Meldungen, Reportagen, Berichte und Interviews, also die Standardbausteine so vieler Zeitschriften, nur gedruckt verkaufbar - online hingegen nichts Wert?
  3. Ist ein bezahltes Printabo kein Paid Content? Zahlt der Leser, wie ja schon oft behauptet, gar nicht für den Inhalt, sondern für den Service einer gedruckten und gut gestalteten Aufbereitung? Oder, als Worst-Case-Variante: Zahlt (und abonniert) ein Teil der Leser nur noch aus Gewohnheit?
  4. Ist eine gar nicht so kleine Fachzeitschriftenredaktion nicht in der Lage, geldwertige Inhalte zu erstellen?
Als ich über diese Fragen nachdachte wurde mir klar: Für viele Fachmagazine fallen die Antworten auf diese Fragen eher negativ aus bzw. ist die Antwort unbekannt. Mit ihren bisherigen Inhalten, zumal in einer oft für online abgespeckten Version, können sie nur ein werbefinanziertes Erlösmodell fahren; und dieses rechnet sich in den meisten Fällen (noch) nicht.

Wertige Inhalte gehen offensichtlich über den klassischen Journalismus hinaus. Werte im Sinne des Nutzers können sein (siehe auch meinen Vortrag von 2006):
  • Zeitlicher Vorsprung
  • Inhaltliche Exklusivität
  • Vollständigkeit
  • Aufbereitung im Sinne von Kundennutzen
  • Anwendbarkeit (bis hin zum Tool)
Wahrscheinlich würden jedem Redakteur, wenn er / sie länger grübelt, Inhalte einfallen, die dem User auch in der Nichtprintwelt Geld wert sein können. Aber ihre Beschaffung und Aufbereitung liegt momentan außerhalb dessen, was viele Redaktionen leisten können...

1 Kommentar:

denny hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.