Montag, 18. April 2011

„Die Entwicklung des Digitalgeschäfts ist eine Managementaufgabe“ - Interview mit Jens Klingelhöfer

Der Vertrieb von Medienprodukten wird immer komplexer. Dabei geht es um weit mehr als um technische Fragen wie Medienformate und Metadaten. Der Medienvertrieb der Zukunft ist deshalb eine Aufgabe für das Verlagsmanagement, erläutert Jens Klingelhöfer im folgenden Interview. Jens Klingelhöfer ist Geschäftsführer des Medienvertriebsdienstleisters Bookwire und Referent auf der 2. Fachkonferenz Medienvertrieb 3.0.

Ihr Vortragstitel lautet "Wachsende Komplexität durch Hyperdistribution – Herausforderungen beim Vertrieb virtueller Medienprodukte". Was sind die wichtigsten Herausforderungen für Verlage?
Jens Klingelhöfer: Die wichtigste Herausforderung ist, sich der Entwicklung zu stellen und sich mit der Veränderung der Produkte auch als Verlag zu verändern. Die Entwicklung des Digitalgeschäfts ist eine Managementaufgabe. Dahinter stehen dann inhaltliche Fragen, Personalfragen und viele technische Fragen. Aus Vertriebssicht: wie kann ich schnell und zuverlässig mit vertretbarem Aufwand alle vorhandenen Verkaufskanäle bespielen, um eine maximale Sichtbarkeit und Verfügbarkeit zu erreichen?

Wenn ein Verlag ein E-Book-Format und standardisierte Metadaten (ONIX) liefern kann - wo liegt dann noch das Problem?
Jens Klingelhöfer: In der Praxis sieht es weitaus komplizierter und unübersichtlicher aus. Die Anzahl der Shops, die technisch und inhaltlich individuell mit Metadaten, E-Books oder Marketing-Infos beliefert werden, steigt. Viele Shops haben eigene Vorstellungen von Onix, gerade im internationalen Kontext. Darüber hinaus gibt es Themen wie Metadatenqualität, Qualitätskontrolle der EPUBs, POS-Marketing, Abrechnungen, Verträge, Datenhaltung und vieles mehr. Das sind in den meisten Fällen Hürden, die von der wichtigsten Aufgabe für Verlage ablenken: die Weiterentwicklung und Anpassung der bestehenden oder die Entwicklung neuer Produkte.

Es gibt im Markt immer mehr Lesegeräte. Wie kann ein kleiner Verlag diese Vielfalt überhaupt erfolgreich managen?
Jens Klingelhöfer: Ich denke, die Zahl der unterschiedlichen Lesegeräte ist nicht das Problem – die Entwicklung des EPUB Standards macht es heute schon möglich, die gleiche EPUB-Datei auf nahezu allen Readern anzuschauen. Insofern sehe ich das eher als Chance für kleine Verlage, mit weniger Risiko und weniger Aufwand in allen digitalen Shops verfügbar zu sein und somit passend für alle Reader die eigenen Produkte anzubieten. Die interessante Frage wird sein, wie schnell sich das Standardformat weiterentwickelt, damit endlich alle Inhalte zufriedenstellend in das EPUB-Format überführt werden können.

Das E-Book boomt ... in den USA. Bei uns scheint der Durchbruch noch immer auf sich warten zu lassen. Wann geht es hier los?
Jens Klingelhöfer: Aus meiner Sicht ist es schon losgegangen. Wir sehen monatlich signifikant ansteigende Verkaufszahlen. 2011 ist aus unserer Sicht das Jahr der “Wende”. Amazon und Google kommen noch auf den digitalen Markt und werden die Zahlen weiter steigen lassen. Auch wenn man vielleicht erst in zwei Jahren von fünf Prozent oder mehr Anteil am Buchmarkt ausgehen kann, ist der Weg in einen Massenmarkt definitiv voraussehbar und in greifbare Nähe gerückt.

Werden sich die E-Reader bei uns niemals durchsetzen, sondern "nur" Tablet PCs?
Jens Klingelhöfer: Ich denke, die Grenzen werden verschwimmen. Glücklicherweise sind Bücher auf beiden Gerätearten zu Hause – insofern muss man nicht auf ein Pferd setzen. Ich persönlich denke, die Tablets werden in kurzer Zeit sehr hohe Gerätezahlen erreichen und daher auch mehr Kunden für Bücher erreichen können. Trotzdem werden die speziellen Lesegeräte oder E-Reader auch eine Zukunft haben. Der eine Kunde macht eben einen technischen Kompromiss und möchte ein Gerät für alle Bedürfnisse und der andere nicht.

Welche Chancen räumen Sie dem Kindle ein?
Jens Klingelhöfer: Auch wenn der Kindle im Moment noch in die Kategorie E-Reader fällt, glaube ich, dass er sich sehr gut verkaufen wird in Deutschland. Ich habe sehr positive Erwartungen an den bevorstehenden Kindle-Start. Amazon hat perfekten Zugriff auf seine Buchkunden und wird mit Sicherheit verlockende Angebote entwickeln, um den Kindle in kurzer Zeit in hohen Zahlen an den Mann zu bringen.

Was wird die zentrale Botschaft in Ihrem Vortrag sein?
Jens Klingelhöfer: Die Entwicklung des Digitalgeschäfts ist eine Managementaufgabe und kein IT-Projekt. Die Veränderungen in der mobil vernetzten Welt sind enorm, fordern viele Investitionen und Veränderungen, damit man die sich bietenden Chancen nutzen und die Kundenwünsche erfüllen kann. Wer es nicht rechtzeitig anpackt, wird später schwer zu kämpfen haben. Trotzdem sind die ersten erforderlichen Schritte leichter anzugehen als viele denken, es gibt eine gute Dienstleister-Infrastruktur in Deutschland. Darauf werde ich auch praxisnah eingehen.

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