Mittwoch, 16. Februar 2011

Spannende Diskussion um das Konzept vom Verlag 3.0

Carsten Raimann hat auf seinem Blog Books & Brains einen Beitrag zum Thema Verlag 3.0 gepostet - und damit eine Diskussion um das zukünftige Selbstverständnis von Verlagen ausgelöst. In einigen Diskussionbeiträgen wurde die Versionierung "3.0" hinterfragt - da der Begriff von mir geprägt wurde, möchte ich hier kurz erläutern, wie ich auf die 3.0 gekommen bin. Im unserem Newsletter von November 2007 habe ich das Konzept erstmals ausführlicher erläutert:
  • "Verlag 1.0 ist der klassische Printverlag, der gedruckte Medien verbreitet.
  • Verlag 2.0 ist der Verlag, der nicht mehr nur gedruckte, sondern mehrmediale, multimediale Informationen verbreitet, oder auch, wie viele Fachverlage, Seminare und Kongresse veranstaltet, Hotlines oder sogar Informationsbroking anbietet. Die verschiedenen Medien werden jedoch noch weitgehend getrennt gemanagt und publiziert. Auch der Umgang mit den Kundendaten erfolgt konventionell, echtes Customer Relationship Management oder gar personenbezogenes Customizing wird erst in Ansätzen praktiziert.
  • Der Verlag 3.0 befindet sich nun auf dem Weg vom Content-Provider zum Network-Organizer, ein Untennehmen also, das Information und Kommunikation nicht mehr "einkanalig" steuert, sondern im Zentrum einer Community steht und diese organisiert. Dieser Wandel ist mit einer Reihe komplexer Herausforderungen und Innovationsprozesse verbunden. Vor allem erfordert er einen Wandel im verlegerischen Selbstverständnis, bei nicht mehr nur der Content, sondern vor allem der Kunde im Mittelpunkt steht."
Dieser Ansatz gilt heute nach wie vor - immer mehr Verlage erkennen, wie wichtig eine konsequente Kundenorientierung ist (siehe dazu meinen Buchreport-Artikel zu Umorganisationen in Verlagen). Carsten Raimann ergänzt Unseren Ansatz durch folgende Definition:

"Ich bin der Meinung, im Mittelpunkt muss der Kunde mit seinen individuellen, persönlichen Bedürfnissen und Wünschen stehen. (...) Ich gehe noch einen Schritt weiter: Was funktioniert, was bei den Menschen ankommt, kann mittlerweile sehr gut in Social Media beobachten werden. Dort geht es in erster Linie um Menschen, deren Emotionen wie auch Begeisterung für Geschichten und Gespräche" Und er fragt richtigerweise: "Welche Verlage stellen sich ernsthaft dieser Aufgabe und der damit verbundenen Herausforderungen an Management und Marketing-Know-how sowie technischer, finanzieller und personaler Ressourcen und machen mit beim Experiment Verlag 3.0".

Interessant ist die anschließende Diskussion, bei der es im Kern um die Frage geht, mit welcher Wertschöpfung Verlage sich zukünftig ihre Existenz sichern können. Steffen Meier, Verlagsleiter Online beim Ulmer Verlag, sieht klare Grenzen bei Verlagen: "Letzten Endes ist es die Frage, ob sich ein Verlag über sein Produkt definiert oder (wie du ja richtig sagst) über seine Zielgruppe. Ersteres haben wir seit Jahrhunderten gemacht und totes Holz bedruckt. Kennen wir, wissen wir, kein Problem. Funktioniert nur nicht mehr für Verlage, jedenfalls für alle in der gewohnten Breite – es wird durchaus klassisch holzbedruckende Verlage auch in weiterer Zukunft geben, warum nicht? Alle anderen haben das Problem, sich in Seitenarme zu begeben, die teils völlig neu sind (sieht man mal von Unternehmungen in Richtung Radio ab, was Verlage in der Vergangenheit mit wenig Erfolg ja gemacht haben). Das überfordert die meisten und ich finde es auch nicht sinnvoll. Hier wird ein verstärktes Kooperationenmodell gefragt sein, etwa ein Softwareanbieter in meiner Zielgruppe, dessen Produkte ich mit meinen Inhalten anreichere. Das kann ein kooperatives Gemeinschaftsprojekt sein, jeder mit seinen Stärken. Ich sehe jedenfalls die meisten Verlage nicht als Filmersteller, Softwareproduzenten o.ä."

Marion Schwehr, Geschäftsführerin der Self-Publishing-Plattform euryclia, sieht das anders: "Ich halte den Gedanken, dass Verlage in andere Bereiche vordringen, für richtig und wichtig! Verlage werden in Zukunft gar nicht drum herum kommen, sich breiter aufzustellen. Und natürlich stimmt der Hinweis von Steffen Meier, dass dies am ehesten über Kooperationen bewältigt werden kann. Aber gleichzeitig mit dem breiter aufstellen, werden Verlage sich klarer fokussieren müssen. Das sieht nach einem Widerspruch aus, ist aber eigentlich die logische Konsequenz. Verlage werden sich fragen müssen (und zwar immer und bei jedem Produkt auf´s Neue): Aus welchem Stoff mache ich welches Produkt – und das natürlich abgestimmt auf die jeweilige Zielgruppe. Das geht schon eher in Richtung „Agentur“."

Spannendes Thema: Wenn Publizieren für jedermann immer leichter und günstiger wird, wenn Content immer leichter zugänglich und günstiger wird - welche Rolle bleibt dann für Verlage? Eine Antwort ist das Konzept vom Verlag 3.0.

Kommentare:

marion.schwehr hat gesagt…

Herr Heinold, ich finde Ihre Definition des "Verlags 3.0" sehr hilfreich und fruchtbar, um die Zukunft und Zukunftsfähigkeit der Buchbranche zu diskutieren. Gleichzeitig frage ich mich, ob es nicht eher der Autor ist, der in Zukunft (noch mehr) "im Zentrum einer Community steht und diese organisiert" und so "vom Content-Provider zum Network-Organizer" wird und werden muss. Dies zeigt m.E. zumindest dieses Beispiel aus der Praxis: das Buchprojekt von Christian Jakubetz und 17 weiteren Journalisten, das auf JakBlog von der ersten Idee an weitgehend öffentlich und in Diskussion mit der Zielgruppe entsteht. In dem aktuellen Blogbeitrag habe ich an die Diskussion hier und in Carsten Raimanns Blog angeknüpft, weil ich glaube, dass die Journalisten in ihrem Buchprojekt schon genau das machen, was die "Verlage 3.0" können sollten: http://www.blog-cj.de/blog/

Ehrhardt F. Heinold hat gesagt…

Liebe Frau Schwehr,

Soe haben Recht: das Thema Self Publishing, das ich schon seit geraumer Zeit aktiv mit Interesse verfolge, spielt hier ebenfalls hinein. Jeder Autor, jede Autorengemeinschaft, die sich gut vernetzt in einer Community befindet, kann heute ohne Verlag publizieren. Verlage haben nur noch dann eine Existenzberechtigung, wenn sie besseer sind als diese Netzwerke.