Freitag, 15. Oktober 2010

Enhanced E-Book: Welche Features nützen dem Leser wirklich?

Gerade habe ich diese tolle Interview mit O-Reilly-Cheflektorin Arianne Hesse beim Upload-Magazin gelesen - und darin eine Passage gefunden, die meinen jüngsten Blogbeitrag zum Thema Enhanced E-Book perfekt ergänzt; und die ich deshalb hier gerne zitieren möchte (mit Dank an Jan Tißler für sein tolles Magazin!). Auf die Frage nach dem "Enhanced E-Book" antwortete Arianne Hesse:

"Eine sehr interessante Frage! Es gibt ja schon jetzt viele Ansätze, die beeindruckend zeigen, wie sehr sich Book Apps von dem, was wir heute unter Buch (Darstellung von komplexeren Inhalten in Textform) verstehen, unterscheiden können. Beispielsweise Augmented Reality-Projekte (vgl. z.B. http://site.layar.com/download/layar/): GPS-Daten meines Smartphones, Kamera und Kompass werden eingesetzt, um im Display Text- und Bildelementen einer zweiten Realität anzuzeigen, wenn ich mich mit einer bestimmten Blickrichtung an einem bestimmten Punkt befinde. Bei einer Reiseführer Book App können das vielleicht Textinfos oder historische Ansichten einer Sehenswürdigkeit. Die amerikanischen Kollegen haben Geodaten übrigens bei ihrer App „The Geek Atlas Companion“ genutzt. Oder es fallen einem die opulenten Animationen der bekannten iPad App „Alice in Wonderland“ ein, die man hier in einem YouTube-Video bewundern kann. Gerade bei diesem Beispiel kann man sich aber schon fragen, ob das, „was geht“, immer einen echten Mehrwert darstellt.

Wenn ich die O’Reilly-Brille aufsetze, frage ich mich, welche Erweiterungen des Mediums Buch – man spricht häufig vom „Enhanced“ oder „Enriched“ E-Book – für unsere Darstellungsziele und Zielgruppen wirklich nützlich sind. Anstatt also zu sagen, wir müssen Video ins Buch einbauen, sollten wir uns wohl besser fragen, welche Medienmöglichkeiten können welche Aspekte des Lesens und Lernens unterstützen. Konkreter:

So unspektakulär es sich erstmal anhört: Wir denken, dass es für unsere Leser am nützlichsten ist, wenn wir möglichst bald möglichst konsequent die Vorzüge der Digitalisierung und „Webisierung“ von Textangeboten nutzen. Die Verlinkung mit ausgewählten externen Informationsangeboten ist ein absolutes „must have“. Ebenfalls ein großer Gewinn: Dynamischer Publizieren als bei herkömmlichen Print-Titeln, also die Inhalte häufiger zu aktualisieren und zu korrigieren.

Webisierung kann, wie schon erwähnt, über das Produkt hinaus die Rollen der Beteiligten und verändern: Der Leser begleitet aktiv den Schreibprozess des Autors. Es kann sich eine Community um ein Buch herum bilden – Leser tauschen sich mit dem Autor und untereinander aus. Auf der letzten TOC, einer Publishing-Konferenz von O’Reilly Media, umschrieb Arianna Huffington (Huffington Post) diese soziale Dimension mit dem Slogan Bücher seien „Conversation Starters“.

Natürlich ist es auch eine viel versprechende Option, nicht-textliche Medienformate wie Audio/Video zu integrieren. Wir wissen durch die Beschäftigung mit dem „von-Kopf-bis-Fuß“-Konzept, dass Lernen am besten funktioniert, wenn ein Leser immer wieder aus dem Lesetrott herausgerissen wird: durch Amüsantes, Verblüffendes, grafische Elemente und nette Beispielszenarien, die er selbst durchdenkt und durchexerziert. Ein modernes Lehrbuch kann hier durch kurze Videoclips oder interaktive Übungen den Leser sicherlich noch viel besser aktivieren.

Bevor man zu sehr ins Wunderland abdriftet, muss man sich wohl immer die Frage stellen, welche „Features“ wirklich nützlich sind, wofür ein Leser zu zahlen bereit ist und welche Investitionen für einen Verlag damit gerechtfertigt sind. Tim O’Reilly hat auf der erwähnten TOC Verlagen deshalb auch geraten, nicht gleich die ambitioniertesten Projekte anzugehen, sondern jetzt die zu realisieren, durch die man meisten über die Märkte lernt, die gerade entstehen."

Mittwoch, 13. Oktober 2010

"Datajournalism": Visualisierung, Interaktion, Animation - Fakten lebendig aufbereiten

Als Mitte der 90er Jahre die CD-ROM das Verlagswesen aufmischte, fragten sich Lektoren und Redakteure: Wie können wir die neuen Möglichkeiten des digitalen Mediums optimal nutzen? Schon damals wurden Ideen aus der Filmbranche adaptiert, Animationen erstellt, interaktive Inhalte programmiert und sogenannte Storyboards geschrieben.

Durch das E-Book und die Tablets stellt sich Verlagen erneut die Frage, wie sie Buch- und Zeitschrifteninhalte auf die neuen Lesegräte übertragen können. Das größte Rätsel gibt dabei das "Enhanced E-Book" auf. Wollen Textleser wirklich Filme sehen, Links folgen, sich in Grafiken vertiefen (wie beim Ken Follett von Lübbe)? Oder wollen sie schlicht das tun, was mit einem neuen Buzz-Wort als "seriuos reading" bezeichnet wird? Hier herrscht Verunsicherung, wie jüngst ein AKEP-Treffen zeigte. Zumal die zusätzlichen Inhalte Geld kosten und in keiner normalen Buchkalkulation enthalten sind.

Datajournalism: Eine Antwort für Wissensinhalte?

Faktengertriebener Journalismus, aber auch Lehrwerke haben sich im Printbereich schon lange von der einen textlichen Darstellung gelöst: Bilder, Infografiken, Tabellen und andere Übersichten sind erprobte Aufbereitungsformen, damit Faktenwissen besser aufgenommen werden kann. Durch neue, interaktive Darstellungsformen erhalten diese Methoden eine neue Dimension, wie die Universität Stanford mit ihrem Projekt zum Thema Datajournalism zeigt. Ich empfehle, den 57 Minuten langen Film auf der Website anzuschauen - zum einen wegen der guten Einführung ins Thema und der zahlreichen Aufbereitungsideen, zum anderen aber weil der Film selbst ein Beispiel für spannende Wissensvermittlung ist: Zu den jeweils behandelten Themen werden unter dem Film Informationen und Hinweise eingeblendet, der Film kann zudem kapitelweise angesteuert werden.

Das Projekt hat das Ziel, Journalisten mit mehr Visualisierungs- und Vermittlungswissen auszurüsten, damit sie im Wettbewerb mit Techniker und Animationsspezialisten bestehen können: "Journalists are coping with the rising information flood by borrowing data visualization techniques from computer scientists, researchers and artists. Some newsrooms are already beginning to retool their staffs and systems to prepare for a future in which data becomes a medium. But how do we communicate with data, how can traditional narratives be fused with sophisticated, interactive information displays?"

Visualisierte und interaktive Faktenvermittlung - sehr spannend, aber auch sehr aufwändig. Damit bleibt die Frage der CD-ROM-Ära: Wenn Verlage ihre Bücher "verfilmen", wer wird dafür was zahlen wollen?

"Das größte Potenzial liegt im Kontakt zu den Kunden"

Carsten Raimann, seit September 2010 unser Kooperationspartner im Bereich Online Marketing, betreibt seit kurzem das Blog "Books & Brains". Als Messenachbereitung hat Carsten gerade unter dem Motto „Die Buchmesse und die Digitalisierung“ mit einer Interviewreihe begonnen - und als ersten Gesprächspartner den Berater Leander Wattig gewonnen. Im Zuge unserer Kooperation möchte ich das Interview hier im Wortlaut bringen.

Books & Brains: Wie hast du das Thema „Digitalisierung“ auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse wahrgenommen?
Leander Wattig: Die Digitalisierung ist ja schon seit vielen Jahren das heiße Thema auf der Buchmesse. Wie es sich für Hype-Themen gehört, kommt es immer wieder zu großen Übertreibungen. Doch dieses Jahr habe ich vielerorts einen angenehm nüchternen Umgang mit dem Thema erlebt.

Books & Brains: Hast du Veranstaltungen dazu besucht? Bitte nenne ein Beispiel und was du daraus mitgenommen hast.
Leander Wattig: Ein wichtiges Unterthema ist ja das der Geschäftsmodelle. Hier war ich überrascht, mit welcher Aufgeschlossenheit man inzwischen selbst eine Erlösquelle wie freiwillige Zahlungen via Flattr & Co. diskutiert. Vor 1-2 Jahren wäre ein solches Thema wahrscheinlich noch als absurd abgetan worden. [Books & Brains: Leander hat dazu selbst einen spannenden Vortrag auf der Messe gehalten.]

Books & Brains: Ist aus deiner Sicht das Thema bei den Verlagen angekommen, wurde das auf der Messe für dich ersichtlich und wie?
Leander Wattig: Ich denke schon, dass die meisten Verlage verstanden haben, dass man alte Geschäftsmodelle nicht 1:1 auf die digitale Welt übertragen kann. Allerdings bleibt das Problem, dass viele der neuen Geschäftsmodelle nicht so attraktiv sind wie die alten. Das ist gewissermaßen ein Dilemma, welches etliche Unternehmen hemmt. Nicht umsonst kommen viele der interessanten Neuerungen auf dem Markt von den so genannten „Branchenfremden“. Klasse finde ich, dass Verlagshäuser wie Droemer Knaur dennoch experimentieren und Modelle wie „neobooks“ ausprobieren.

Books & Brains: In welchem digitalen Thema siehst du großes Potenzial für die Buchbranche?
Leander Wattig: Ich denke nach wie vor, dass das größte Potenzial für die Buchbranche im Kontakt zu den Kunden liegt. Dank des Internets besteht für jedes Unternehmen heute die Möglichkeit, eine direkte Kundenbeziehung aufzubauen. Hoffen wir mal, dass die Buchbranche diese Chance nutzt und den Kundenkontakt nicht wie die Musikindustrie den Apples dieser Welt überlässt.

Books & Brains: Wie wird sich durch diese Entwicklungen deine Arbeit verändern, wo siehst du Chancen und Risiken für dich persönlich?
Leander Wattig: Ich befasse mich mit diesen Entwicklungen u.a. als Blogger, Berater, Vortragsredner und Lehrbeauftragter. Langeweile wird also nicht aufkommen. Überhaupt blicke ich gespannt in die Zukunft. Eine solche Medien-Revolution erlebt man schließlich nicht alle Tage und ich finde es prima, diese ein kleines Stück weit mitgestalten zu können.

Dienstag, 12. Oktober 2010