Mittwoch, 8. September 2010

Aktuelle Notizen, Teil 2: Veraltete Verlagsstrukturen und E-Publishing

Steffen Meier, der umtriebige und innovative Online-Chef des Ulmer-Verlages, hat in einem Buchreport die Herausforderungen von Verlagen bei der Digitalisierung in einem Buchreport-Interview auf den Punkt gebracht: "Viele Verlage sind organisatorisch ungenügend vorbereitet, stecken aber auch in einem grundsätzlichen Dilemma: Einerseits scheuen sie größere Investitionen, da die Prognosen über die zukünftige Rolle digitalisierter Inhalte höchst unsicher sind. Andererseits erfordert es erheblich organisatorische Veränderungen, wenn man auf der Höhe der Entwicklung bleiben will. Wenn man nur ein oder zwei Leute im Unternehmen hat, die sich mit diesem Thema be­schäftigen, können die zwar die Entwicklung beobachten und Ideen einbringen, aber sie haben meistens keine Ressourcen mehr frei für die praktische Umsetzung."

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2008 war das Thema Hype, 2009 ein Megatrend, 2010 ist es schon fast wieder in der Versenkung verschwunden - oder doch nicht? Die E-Ink-Technologie und darauf basierende E-Reader sind ebenso wie das E-Book keine todgeweihten Innovationen, sondern werden den Buch- und Lesemarkt auch in Deutschland weiter erobern. Das zumindest prognostiziert der Spiegel nach den zahlreichen Innovationen, die auf de IFA gezeigt wurden: "Mit dem iPad schien das Thema E-Book-Reader schon fast erledigt. Die Zukunft gehöre bunten Alleskönnern, hieß es - nicht monochromen Spezialgeräten. Auf der Ifa kann man sehen, dass dies ein Irrtum war: Elektronische Bücher und Lesegeräte werden das große Thema des Herbstes."

Auch der Spiegel sieht Probleme beim E-Book in Deutschland - allerdings hausgemachte: "Bisher mauerte die deutsche Verlagslandschaft gegen die Publizierung eines nennenswerten E-Book-Angebotes, als ginge es darum, das christliche Abendland vor dem Untergang zu retten: Attraktive E-Book-Angebote sind äußerst selten, und was der Markt an wenigen Titeln hergibt, ist meist völlig überteuert. Die Branche agierte ähnlich betonköpfig wie die Kollegen vom TV in Bezug auf das Thema Streaming: Ein Geschäft, das man nicht zulässt, ist auch keines, in dem man unter die Räder geraten könnte."

Aber das wird sich ändern...

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Wie Verlage sich vor allem auf das E-Book-Thema einstellen können, zeigt eine aktuelle Studie von Mücke, Sturm & Partner sowie ESB Reutlingen: "“E-Books – wie Verlage von der Digitalisierung profitieren können” (Ergebnisse auf lesen.net). Die Studie erkennt Defizite vor allem in der Organisationsstruktur. Drei Hinderungsgründe wurden von den Befragten genannt:
  1. Passende Organisation / Kultur
  2. Fehlendes Know-how
  3. Fehlendes Budget
In der Tat: Präziser kann man die aktuellen Probleme in Verlagen nicht beschreiben.

Montag, 6. September 2010

Kurz kommentiert: Personal, Verlage, Bezahlinhalte, Medienhäuser verlinken nicht

Dieses Mal keine Einzelanalyse, sondern ein paar Ideensplitter und Kommentare zu aktuellen Entwicklungen.

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Im Buchreport-Blog habe ich jüngst die nach meiner Einschätzung Stiefmütterlich behandelte Thema "Personal(entwicklung) und Verlage" behandelt. Eine kritische Analyse, die durchweg zustimmende Kommentare ausgelöst hat. So schreibt André Pleintinger:"Eine sehr gute Zusammenfassung! Die oft sehr eng zugeschnittenen Stellenausschreibungen schrecken dabei gar so manchen potenziellen Bewerber aus der Verlagswelt ab. Auch eine entsprechend zukunftsträchtige Weiterbildung des bereits vorhandenen Personals wird ein wichtiges Thema sein."

Noch kritischer äußert sich
Jörg Hopfgarten: "Ein starkes Symbol für die risikoscheue Grundhaltung vieler Verlage lässt sich auch aus den Stellenausschreibungen der letzten Monate finden. Gesucht wird nicht nur die eierlegende Wollmilchsau, sondern die eierlegende Wollmilchsau, die exakt die ausgeschriebene Funktion schon einige Jahre in einem anderen Verlag ausgefüllt hat. Frische Ideen und Ehrgeiz auf gemeinsame Entwicklung – kein Thema. Die Lust, gemeinsam etwas Neues, Großes zu schaffen – irrelevant."

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Dass meine pauschale Kritik nicht für alle Verlage gilt, hatte ich schon in dem Blogartikel gesagt. Ausgenommen hatte ich vor allem die Fachverlage. Eine aktuelle Stellenausschreibung des Thieme Verlags zeigt, wie konkret hier schon an innovativen Stellenprofilen gearbeitet wird: Gesucht wird ein "Manager Content Workflow m/w", der als Schnittstelle zwischen Redaktion und Herstellung für einen reibungslosen Contentflow zuständig ist und so die die "Beschaffung und Erstellung von Inhalten für E-Business-Marktlösungen" unterstützen soll.

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Ob all die Innovationen im Verlagsbereich ausreichen? Das bezweifeln offensichtlich immer mehr (renommierte) Autoren bzw. deren Agenten. Zwar hatten sich jüngst in einem aufsehenerregenden Streit Randon House-Chef Dohle und Agent Wylie geeinigt - doch nun legt Literaturagent Peter S. Fritz im Börsenblatt nach. Seine Kernfrage lautet: Wofür brauchen wir noch Verlage? Fritz: "Warum wird eigentlich eine solche Energie für die Honorarfrage aufgewendet, während doch sichtbar ist, welchen großen Herausforderungen der E-Book-Verleger in Wirklichkeit gegenüber steht. Man wird den Verdacht nicht los, dass die Verlage das E-Geschäft eigentlich nicht wollen, sich dazu gezwungen sehen, keine positive Vision haben, sondern sich nur davor fürchten, was sie verlieren werden. Die Frage, ob herkömmliche Verlage somit für das E-Book die richtigen Partner sind, darf so gesehen gestellt werden. Eigentlich würde ich diese Frage erst in fünf Jahren stellen wollen und in der Zwischenzeit die Verlage darin unterstützen, E-Bücher wie auch Print-Bücher nicht billig verschleudern zu müssen. Schließlich geht es um das geistige Eigentum meiner Klienten."

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Um das Thema Paid Content ist es ruhiger geworden - dabei läuft gerade die Phase, in der Verlage erproben, wie sie digitale Inhalte verkaufen können. Ich bin immer ein Befürworter bezahlter Inhalte gewesen, allerdings war ich auch immer skpeptisch, ob dies im Bereich der Publikumsmedien funktionieren kann. Ein Artikel im Independent analysiert die Situation bei Murdochs Medien. Die Paywall-Einführung zeigt drei Haupteffekte:
  1. Der Traffic bricht um teilweise bis zu 90% zusammen.
  2. Die Indexierung durch Suchmaschinen sinkt rapide.
  3. Die Folgen: Werbeeinahmen gehen zurück, und es wird immer schwieriger, interessante Geschichten und Interviews zu bekommen: "Despite this, publicists have told me that clients are increasingly reluctant to give interviews or stories to The Times, on the grounds that they would not be made freely available via search engines. Dan Sabbagh, a former media editor at The Times who now runs the media website Beehive City, says News International journalists are frustrated by the decline in their audience."
Der Independent prognostiziert, dass Murdoch diesen Strategiewechsel durchhält: "Advertisers don't like it. Analysts are unconvinced. The paywall at News International may not be winning many fans, but the man behind it is determined to keep it standing."

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Zu Guterletzt: Wenn Paid Content schon so ein steiniger Weg ist und die Presseverlage lieber auf Werbeerlöse setzen, dann sollten sie doch alles tun, um den Traffic auf ihren Internetangeboten zu erhöhen. Doch leider, so Thomas Knüver, stehen sie sich dabei selbst im Weg - sie verlinken sich nicht gegenseitig, damit der Leser schön bei ihnen bleibt: "Deutsche Medienhäuser wollen zwar im Internet mitspielen – aber keine anderen Regeln als die ihren gelten lassen. Das ist nicht neu: Allein schon das Setzen eines Links auf ein anderes Nachrichtenangebot ist seit Anbeginn des World Wide Web zuviel verlangt – obwohl es den Qualitätsjournalismus fördern würde. Man könnte nun zu der Idee gelangen, 12 Jahre nachdem das Netz seinen Durchbruch im Massenmarkt erlebte, hätten langsam Denkprozesse eingesetzt, die diese Haltung verändern könnten. Aus ausprobiert würden sie beim neuen Hoffnungsträger der Verlage – dem Ipad."
(...) Denn auch wenn das mancher Verlagsmananger glauben – und vor allem hoffen – mag: Das Ipad ist kein abgeschlossener Inhalte-Raum. Es ist so isoliert, wie man es isolieren will. Natürlich lassen sich auch hier Browser-Fenster öffnen, Artikel Twitter oder Facebook verlinken und Diskussionen anstoßen. All das geht – wenn man es will. Doch die Verlage wollen nicht. Noch immer glauben sie, der Nutzer ließe sich auf ihre Angebote zwingen weil… na, es ihre Angebote sind. Derzeit gibt es nicht nur keinen Hoffnungsschimmer auf eine Wende, es gibt nicht mal ein rationales Anzeichen dafür. Sie mögen sich weder den Wünschen der Nutzer beugen, noch die Möglichkeiten der Technik erkunden – und außerdem sollen weiter ihre alten Regeln gelten."

Immerhin: Der Verleger Konstantin Neven DuMonthat wird Knüvers Verlinkungsappell unterstützen - und das nicht nur aus betriebswirtschaftlichen Gründen: "Um der verbreiteten Praxis eines wechselseitigen Verschweigens entgegenzuwirken und Missständen mehr Öffentlichkeit zu verschaffen, sollten alle Qualitätsmedien neben ihren eigenen großen investigativen Beiträgen die verdienstvolle Arbeit anderer Medien würdigen – mit kollegialem Respekt und ohne Berührungsängste. Auf diese Weise wird die Reichweite investigativer Recherche erhöht. Auch Blogs, Foren und soziale Netzwerke sollten dabei angemessen berücksichtigt werden. Erst so kann die Digitalisierung dem Gemeinwohl wirklich dienen."