Montag, 8. November 2010

Nach 20 Jahren Umsonstkultur: Verlage müssen auf Bezahlinhalte setzen - Christoph Keese beim Homer-Kongress

Die mehr als erstaunliche 180 Grad-Kehrtwende des Hamburger Springer-Konzern beim Thema Bezahlinhalte bzw. Paid Content hatte ich hier schon kommentiert - jetzt gibt es eine ausführliche Begründung für diese Entscheidung zum Nachhören (der Livemittschnitt findet sich hier). Konzerngeschäftsführer Christoph Keese hat auf dem Homer 3.0-Kongress ausführlich erklärt, warum es ohne Bezahlinhalte nicht geht. Hier seine Thesen als Stenogramm:
  • Die Verlage haben die Kunden 20 Jahre daran gewöhnt, dass es journalistische Inhalte umsonst gibt.
  • User Generated Content wird den professionellen Journalismus nicht verdrängen.
  • Die Internet-Werbeeinnahmen reichen bei weitem nicht aus: Die Printumsätze betragen 11 Milliarden, die Onlineumsätze dagegen nur 200 Millionen, ohne Perspektive, dass diese "auch nur in die Nähe der heutigen Printumsätze kommen werden".
  • Die Printumsätze erodieren weiter (und zwar sowohl Vertriebs- als Werbeerlöse): Bis zum Jahr 2020 wird sich die Druckauflage von Zeitschriften und Zeitungen halbieren.
  • Ohne Ausgleich müssten Verlage an den Kosten sparen. Da diese zu 2/3 durch Personal und vor allem Redaktionen verursacht werden, müsste hier gespart werden.
  • Die Verlage haben zu lange gezögert, neue Erlösmodelle zu etablieren.
  • Die große Hoffnung ist der Tablet PC (wie das iPad), der zum Massengerät wird. Verlage und Telkos werden den Erwerb dieser Geräte subventionieren, bereits im Weihnachtgeschäft 2012 wird es Geräte um 99 EUR geben, 2013 dann für den berühmtem einen Euro mit Vertrag (nach Handy-Modell).
  • Springer bietet im Appstore nur noch kostenpflichtige Apps an.
  • Die tägliche Nutzungszeit ist mit 15 Minuten vergleichbar mit Zeitungen und viel höher als im Internet.
  • Das offene Internet hat immer noch Reichweite - was soll damit geschehen? Springer wird das "Metered Modell" der Finanzial Times für fast alle Internetangebote einführen: Eine bestimmte Zahl von Clicks pro Monat ist frei, danach muss gezahlt werden. Die Zahl der freien Clicks kann dabei täglich angepasst werden, um das Optimum (Reichweite im Verhältnis zur Umwandlungsquote" zu finden.
  • Im offenen Netz fehlt eine einfache Bezahlinfrastruktur mit Single sign on. Gebraucht wird ein 1-Clock-Payment - und zwar weltweit! Solange diese Infrastruktur fehlt, können keine Aussagen über die Bezahlwilligkeit der User getroffen werden!
In Summa: Das Thema Bezahlinhalte wird endlich ernsthaft und professionell angegangen, auch die Publikumsverlage befreien sich aus dem Umsonstdogma, das sie selber, wie auch Keese betont, 20 Jahre lang gepredigt und praktiziert haben. Und das ist gut so!

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