Freitag, 19. November 2010

Apps oder Web - oder beides? Zeit Online integriert Welten

Die App-Welt gilt vielen Verlagen als Segen, weil sie ihnen vermeintlich die Kontrolle über die Nutzung und damit auch über den bezahlten Zugang zu Medien zurückgibt . Diese Sichtweise hatte unlängst durch den Internetvordenker Chris Anderson Unterstützung erhalten (siehe dazu meinen Blogbeitrag vom 24.10.2010).

Ich hatte von dieser These zuerst durch Stephan Selle erfahren, dem inspirierenden Zweitwerk-GF, der in einem Interview mit mir behauptete, Interessantes würde es ab 2010 nur noch gegen Geld geben; das freie Browsen bleibe, aber als Eliteangebot nach dem Modell Programmkino: "Die Geschichte der Medien ist immer auch die Geschichte der Aneignungen der Medien. Kapitalismus ist so gebaut, dass bei einer Revolution wie Buchdruck, Film oder Internet haufenweise schlaue Leute jeden Aspekt auf Profitabilität hin untersuchen. Ist ein solcher Punkt gefunden, ruht dieses System nicht, bevor nicht der maximale Profit unter maximalem Schutz des eigenen Geschäfts erwirtschaftet werden kann. Und das bedeutete in der Vergangenheit immer den Ausschluss der Laien, der Amateure, der Privatleute: entweder rüstet man die Technik auf (Druckmaschinen, Filmprojektoren) oder man benutzt den Staat (Rundfunk, Fernsehen) für den Ausschluss. Warum sollte das beim Internet anders sein? Der schreibende Zugriff der Laien und Privatmenschen auf das Internet ist an den Browser geknüpft, an zugängliche Server und an offen zugängliche Leitungen. Vermutlich wird nichts davon verboten oder beseitigt. Alle interessanten und unterhaltsamen Angebote werden einfach gegen Geld über gesicherte Kanäle angeboten: Apps. Dem Browser geht es dann wie dem Programmkino."

Stephan Selle wird diese Thesen auf dem 2. ZukunftsFrühstück Verlage und Medien am 24.11.2010 in Hamburg erläutern.

Die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit geht einen anderen Weg - sie versucht, die beiden Welten zu integrieren, wie Chefredakteur Wolfgang Blau in einem Interview mit werben und verkaufen erläutert. Man glaube, so Blau, nicht an das Verschwinden des freien Web, da Tablet PCs ja genau für das Surfen geschaffen worden sein: "Wir haben das iPad nicht mit dem Web verknüpft, das iPad war schon immer mit dem offenen Web verbunden und ist ab Werk mit dem Safari-Browser bestückt. Die enormen Möglichkeiten des iPad als Surf-Device wurden aber in der verständlichen App-Euphorie der ersten Monate vielleicht etwas übersehen. "

Die Zeit verfolge, so Blau weiter, eine offene Strategie, bei der sich die beiden Welten Web und App ergänzten und verstärkten - und nicht in Konkurrenz zu einender stünden: "Über unsere iPad-optimierte Site haben wir die Möglichkeit, noch mehr iPad-User als bisher zielgenau auf unsere kostenpflichtigen Apps aufmerksam zu machen. Jeder durchschnittliche iPad-Surfer hat ja auch einen Store-Account und ist damit auf unserer iPad-Site nie weiter als einen Klick vom App-Store entfernt. Unsere reichweitenstarke iPad-optimierte Site und unsere kostenpflichtigen Apps werden sich also gegenseitig stärken. Beispielsweise können wir nun aus kostenpflichtigen Apps heraus auch auf weiterführende, gebührenfreie Inhalte verlinken, die bereits für das iPad optimiert sind und erreichen zugleich über die offene Site noch mehr potenzielle App-Käufer."

Diese Strategie scheint plausibel, denn die Einnahmen aus Werbung steckten laut Blau noch in den Kinderschuhen - gerade für Medien mit klar definierten Zielgruppen gäbe es eine gute Zukunft: "Aus meiner Perspektive als Redakteur steckt Online-Werbung noch in den Kinderschuhen und beginnt gerade erst, ihr wahres Potenzial zu entfalten. Dazu gehört auch eine Ausdifferenzierung des Online-Werbemarktes in Angebote, die auf schiere Masse setzen und in Premium-Angebote wie Zeit Online, die eine qualifizierte Zielgruppe ansprechen".

Mithin bleiben die bisherigen Pressemedien-Erlösmodelle bestehen als eine Kombination aus Werbeeinnahmen und bezahlter Nutzung. Das offene Web verschwindet ebenso wenig wie das Free TV.

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