Mittwoch, 25. August 2010

Freiheit versus Kapitalismus - Apps oder Browser?

Diese Debatte hat Sprengkraft, war für mich jedoch bis zum Frühsommer neu. Da überraschte mich auf dem Zukunftsfrühstück Verlage und Medien Teilnehmer Stephan Selle mit einer steilen These - seine Prognose: Apps schlagen langfristig den Browser. Die betriebswirtschaftliche Übersetzung lautet: Unternehmen kontrollieren via geschlossenen Anwendungen das freie Internet. Die Kundenperspektive: Der Nutzer kapituliert bzw. folgt freiwillig aus Bequemlichkeit (was ja ein veritabler Grund für viele Entwicklungen ist). Die Debatte wurde jetzt beschleunigt durch das Eingreifen eines Gurus - Chris Anderson himself, der gerade noch die Free-Philosophie propagiert hatte, schwenkt um und sagt jetzt auch: Apps werden gewinnen.

Ich möchte in diesem Post die Debatte inhaltlich nicht bereichern, sondern in einer Art Überblick die zentralen Statements zitieren.

„Der Browser verschwindet im trüben Ozean des Desinteresses“

Auf Grundlage medienhistorischer Analogien sieht der Hamburger Softwareunternehmer Stephan Selle das Internet erst 2020 voll entwickelt. Bis dahin, so seine These in einem Interview mit mir, werde auch der jetzt noch vorhandene Wildwuchs und freie Zugang keine Rolle mehr spielen, weil Kapitalismus und Kunden das so wollen: "Die Geschichte der Medien ist immer auch die Geschichte der Aneignungen der Medien. Kapitalismus ist so gebaut, dass bei einer Revolution wie Buchdruck, Film oder Internet haufenweise schlaue Leute jeden Aspekt auf Profitabilität hin untersuchen. Ist ein solcher Punkt gefunden, ruht dieses System nicht, bevor nicht der maximale Profit unter maximalem Schutz des eigenen Geschäfts erwirtschaftet werden kann. Und das bedeutete in der Vergangenheit immer den Ausschluss der Laien, der Amateure, der Privatleute: entweder rüstet man die Technik auf (Druckmaschinen, Filmprojektoren) oder man benutzt den Staat (Rundfunk, Fernsehen) für den Ausschluss. Warum sollte das beim Internet anders sein? Der schreibende Zugriff der Laien und Privatmenschen auf das Internet ist an den Browser geknüpft, an zugängliche Server und an offen zugängliche Leitungen. Vermutlich wird nichts davon verboten oder beseitigt. Alle interessanten und unterhaltsamen Angebote werden einfach gegen Geld über gesicherte Kanäle angeboten: Apps. Dem Browser geht es dann wie dem Programmkino. Das Publikum geht mit den thrills, und wenn die guten Angebote Apps sind, ist der Browser schnell so randständig wie derzeit die Offenen Kanäle: Da kann jeder Fernsehen machen, wollen tun es aber nur Spinner und Idealisten. Also: Der Browser verschwindet im trüben Ozean des Desinteresses."

"The Web Is Dead. Long Live the Internet"

Die gleiche These wie Selle hat jetzt Wired-Cheredakteur und Web-Gruru Chris Anderson in einem Wired-Artikel aufgegriffen. Mit vergleichbarem Ausgangspunkt: Aus Bequemlichkeit ziehen die Menschen schön gebaute Anwendungen dem unfertigen Web vor. Anderson grenzt dabei das Web vom Internet ab: "The Web is, after all, just one of many applications that exist on the Internet, which uses the IP and TCP protocols to move packets around. This architecture — not the specific applications built on top of it — is the revolution. Today the content you see in your browser — largely HTML data delivered via the http protocol on port 80 — accounts for less than a quarter of the traffic on the Internet … and it’s shrinking. The applications that account for more of the Internet’s traffic include peer-to-peer file transfers, email, company VPNs, the machine-to-machine communications of APIs, Skype calls, World of Warcraft and other online games, Xbox Live, iTunes, voice-over-IP phones, iChat, and Netflix movie streaming. Many of the newer Net applications are closed, often proprietary, networks."

Auch Anderson sieht den Kapitalismus am Werk und zieht historische Parallelen: "This was all inevitable. It is the cycle of capitalism. The story of industrial revolutions, after all, is a story of battles over control. A technology is invented, it spreads, a thousand flowers bloom, and then someone finds a way to own it, locking out others. It happens every time. (...) Now it’s the Web’s turn to face the pressure for profits and the walled gardens that bring them. Openness is a wonderful thing in the nonmonetary economy of peer production. But eventually our tolerance for the delirious chaos of infinite competition finds its limits. Much as we love freedom and choice, we also love things that just work, reliably and seamlessly. And if we have to pay for what we love, well, that increasingly seems OK. Have you looked at your cell phone or cable bill lately?"

"Apps haben langfristig keine Chance"

Natürlich haben diese Thesen eine kontroverse Diskussion provoziert - auch mir erschien anfangs eine solche Entwicklung vollkommen undenkbar. Warum sollten wir je wieder auf das verzichten, was seit Beginn des Internetzeitalters so machtvoll entstanden ist? Joachim Graf, iBusiness-Chef, deutscher Web-Guru und anregender Povokateur zugleich, hat jetzt in einem Tagesanzeiger-Interview klar gestellt: "
Apps haben langfristig keine Chance". Der Grund: Ein freies System ist immer besser als ein geschlossenes.

Auch Joachim Graf zieht eine historische Parallele: "Ich vergleiche Apps mit dem Commodore 64. Solche geschlossenen Systeme wie Apples App Store sind zwar kurzfristig erfolgreich, haben aber auf lange Sicht keine Chance."Graf prognostiziert das Verschwinden von Software, und damit auch von den Apps, und zwar aus technologischen Gründen, aber auch aus Bequemlichkeit: "Mit der Technologie HTML5, die sich in den kommenden zwei Jahren durchsetzt, wird sich alles völlig verändern – sie wird Apps überflüssig machen. Als Nutzer ist mir die Darstellung auch ziemlich egal, es muss einfach funktionieren, und ich will mir auch nicht hundert Apps runterladen. Schon heute sind einige Apps überflüssig, wie ich am Beispiel der Xing-App selber erfahren habe: Weil diese nicht mehr richtig funktionierte, surfte ich mit dem Smartphone die mobile Seite an und stellte fest, dass diese mehr bietet als die iPhone-App."

Grafs simples Fazit: "Die Zukunft gehört offenen und browserbasierten Lösungen."


1 Kommentar:

hemartin hat gesagt…

Zusätzlich zum technologischem Ansatz von Joachim Graf, kann man anmerken, dass die Argumentation mit Bandbreite und anteiligem Trafik doch ziemlich doof ist.
D.h. wenn ich jetzt Gigabytes of Video / TV via Apps streame bedeutet das doch nicht das "Verschwinden", den Ersatz des Browsers.

Browser and Apps müssen, werden dem "Web of Flow" dienen (oder werden ersetzt).