Montag, 19. Juli 2010

"Endlich ein Manuskript" oder: Wie arbeitet der Lektor der Zukunft?

"Kundenorientierte Produktentwicklung" gilt in vielen Verlage mittlerweile als Standard. Doch die Realität sieht anders aus: Selbst in vielen Fachverlagen werden Bücher oft durch Autoren getriggert - nicht durch den Kundenbedarf.

Zwei aktuelle Erlebnisse inspirieren mich zu dieser kurzen Reflektion über die Frage, welche Form von der Lektor / Redakteur Verlage zukünftig brauchen. Ja, ich weiß, die Antwort steht schon lange fest: Kundenorientiert soll er / sie sein, mehrmedial denken und konzipieren, dazu flexibel und innovativ sein...

Die Realität sieht in vielen Verlage anders aus:
  1. Erlebnis eins: "Endlich wieder ein Manuskript" - auf diese (sicher polemische) Form brachte neulich ein Vertriebsleiter in einem Fachverlag die Einstellung vieler seiner Redakteure. Der Buchworklow ist immer noch autorengetrieben, in der Hoffnung, dass diese schon wissen, was der Markt bzw. die Leser wollen.
  2. Erlebnis zwei: Eine Diskussion mit einem Fachverleger über seinen Wunsch, einen wirklich markt- und kundenorientierten Lektor einzustellen und wo er diesen wohl finden könne...
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Nicht nur belletristische Verlagen werden auch zukünftig auf Autorenanstöße angewiesen sein. Oft haben Autoren ein gutes Gespür für Trends und Themen, die noch nicht auf dem Verlagsradar sind. Kunst, Kreativität, Geistesblitze, Zukunftsgespür werden niemals planbar sein.

Doch selbst in belletristischen Verlagen lässt sich, wie mir aktuelle Beratungsprojekte zeigen, mehr planen, als manche Lektoren glauben. Auch hier können Analysen von Trends, Wettbewerb und dem eigenen Portfolio zu Erkenntnissen führen, die ein Programm wenigstens teilweise aus der Zufälligkeit eintreffender Manuskripte befreien. Wenn ein Verlag weiß, wie er am Markt positioniert ist bzw. sein will, können klare Aufträge an das Lektorat formuliert werden, nach welchen Texten gesucht werden muss.

Im Ratgeber- und vor allem Fachverlagen geht dieses Prinzip noch weiter: Hier werden regelrecht Auftragsarbeiten vergeben. Hier wird "Produktmanagement" betrieben.

Zwei Typen von Autoren

Grundsätzlich lassen sich zwei Autorentypen unterscheiden:
  • Den Künstler (Belletristik) bzw. die Koryphäe (Fach- und Wissenschaftsverlage): Natürlich können Lektoren auch diese um ein Buch bitten, können Themen anstoßen (dafür gibt es viele Beispiele sogar im Literaturbereich). Aber letztlich bin ich als Verlag von diesen Autoren abhängig - den neuen Mankell kann ich nicht durch einen anderen Krimi vollständig ersetzen, ebenso wie in der Wissenschaft den "Meffert".
  • Den Dienstleister bzw. den Gebrauchstextschreiber, wie er z.B. im Kinderbuch, vor allem aber im Bereich Ratgeber, Special Interest und Fachpublikation häufig anzutreffen ist. Aufgabe des Verlages ist hier ein kundenorientiertes Briefing, das von diesen Autoren-Dienstleistern umgesetzt wird. Wenn zukünftig nicht mehr nur Bücher, sondern Content publiziert wird, kann sich die Rolle des Autorendienstleister noch weiter in Richtung permanenter Inhaltspflege erweitern.
Balance zwischen Trendgespür, Kreativtat und analytischer Planung

Manche Verlage sind beim Planen übers Ziel hinausgeschossen: Das Buchprogramm wird zu starr und langfristig geplant, alle Programmplätze nach einem Portfolioschema vergeben. Doch dieser Weg kann in einer Programm-Langeweile enden, die zur Stagnation führt. Auch dafür gibt es Beispiele.

Für den Lektor / Redakteur oder auch Produktmanager heisst das: Sie/ er sollte sowohl ein Programm systematisch auf Basis von Marktpositionierung und Kundenorientierung planen können, als auch offen sein Trends, für aktuelle Entwicklungen, für Vorschläge von außen sein. Diese Kompetenzbreite wird nicht nur für Themen und Inhalte gebraucht, sondern auch für die mediale Aufbereitung, für die gesamt Produktentwicklung von der Idee bis hin zum Vermarktungskonzept.

Eine Mischung aus Lektor, Redakteur, Produktmanager, Trendscout und sogar Business Developer: Dieses anspruchsvolle Profil sollte zumindest für die Programmleitungen Standard sein. Ich weiß nicht, ob Verlage in ihrer Personalauswahl und -entwicklung darauf schon eingestellt sind, ob sie schon diesen raren Kandidaten nachjagen, die heute vielleicht lieber in ein innovatives Softwareunternehmen gehen...

Früher war es der Traum vieler Universitätsabsolventen, in einem Verlag zu arbeiten. Das mag heute immer noch zutreffen, die Frage ist jedoch: Träumen da die richtigen, oder werden "Buchliebhaber" angezogen... während die innovativen Produktmanager anderen Berufswegen folgen?

Kommentare:

demipress - Daniela Skrzypczak hat gesagt…

Eine Beitrag der ganz nah an der Realität ist und die Probleme auf den Punkt bringt. Danke für diesen Beitrag.

itst hat gesagt…

Könnte das Dilemma, Deiner Erfahrung nach, auch darin begründet liegen, dass viele Verlage ihre Endkunden nicht gut genug kennen?