Mittwoch, 23. Juni 2010

Verlag 3.0: Zum Stand des Konzeptes

Am 5. Juli 2010 findet zum 3. Mal in München die Fachkonferenz zum Verlag 3.0 statt (Thema dieses Mal: "Content neu denken, Verlagsprodukte neu erfinden"). Anlass für mich, eine kurze Zwischenbilanz zum Konzeptansatz zu ziehen. Das Konzept hatte ich hier ja schon einige Mal skizziert (zuletzt im Februar).

Die Kernelemente des Konzeptes sind noch immer gültig: Content, Context, Kunden, Community. Als sperrig erweist sich noch immer das Thema Community und Social Media - denn noch immer ist es Verlage nicht ausreichend gelungen, mit diesen Ansätzen wirklich zufriedenstellende Umsätze zu erzielen.

Im Grunde ist die Kundenintegration eine Marketingstrategie, kein eigenes Geschäftsmodell. Selbst die erfolgreichen Haufe-Communities ("Themenportale") sind kostenfrei und dienen der Vermarktung von Abonnements für die Haufe-Produkte. Gleiches gilt für die erfolgreiche nwb-Community. Die Funktionen dieser personell und finanziell aufwändigen Angebote: Kundenkontakt, Branding, Vernetzung, Marktforschung, Produktvermarktung - aber nicht: eigene Erlöse. Nur wenige Community-Angebote rechnen sich selbst (wie Urbia, Holydaycheck oder Chefkoch - alles übrigens sind keine Verlagsgründungen!).

Im Mittelpunkt verlegerischer Wertschöpfung stehen also noch immer greifbare Produkte und Services - von Fachbuch über das Onlineportal über Software bis hin zu Events und Kongressen. Durch das iPad und andere mobile Devices wird der Produktgedanke sogar wieder neu belebt - denn Nutzer sind bereit, für Apps zu zahlen (siehe hierzu auch die These von Stephan Selle: Apps werden Browser verdrängen).

Gewiss: Die Verlagsangebote werden komplexer - nicht umsonst integriert Haufe den Verlags- und den Softwarebereich - denn Kunden, vor allem im B2B-Bereich, suchen nicht nach Inhalten, sondern nach Lösungen. Auch im B2C-Markt werden die Medienangebote, siehe iPad, aufwändiger und komplexer: Multimedia, Verlinkungen, Animationen und auch Kundenintegration - all das ist mit modernen E-Produkten möglich.

Der Verlag 3.0 wird auch intern ein immer komplexeres Gebilde, weil er die Hyperdistribution seiner Produkte und Services bewältigen muss: Immer mehr Medien, immer mehr Kanäle, immer zielgeneuere Angebote. One size fits all- diese Zeit ist vorbei, Persionalisierung ist schon lange kein schlagwort mehr. Ein gutes Beispiel ist hier das Myheimat-Konzept der Gogol Mediengruppe, dass auch auf der Fachkonferenz Verlag 3.0 vorgestellt werden wird. Myheimat beschreibt sich so: "myheimat ist ein deutschlandweites Internetportal, auf dem Bürger aus ihrem Ort berichten. Gemeinsam mit seinen Medienpartnern verschafft myheimat den Beiträgen der Bürgerreporter weitere Aufmerksamkeit. Redakteure der Medienpartner integrieren Inhalte von myheimat in ihre Produkte, wie zum Beispiel Lokalzeitungen oder eigene myheimat-Magazine und bereichern damit die lokale Medienlandschaft in der Region."

Der Verlag 3.0 braucht vor allem eine nie gekannte Nähe zu seinen Zielgruppen, Innovationskraft und Veränderungswillen - alles Eigenschaften, die den traditionellen Verlag eher nicht ausgezeichnet haben: Dieser konnte seine Produkte (wie z.B. eine lokale Tageszeitung) über lange Zeiträume ohne große Veränderungen an den gleichen Kundenkreis vermarkten. Tempi passati. Der Veränderungsdruck in allen Verlagsbereichen wächst, tradierte Denkmuster stehen in Frage und der Wettbewerb wächst - wenn auch, wie z.B. Springer-Chef Matthias Döpfner gegenüber der Huffington Post beklagt (das interessante Gespräch hier), auf niedersten Umsatzhöhen. Dem Nutzer ist das gleich, er kann in der digitalen Welt David schon lange nicht mehr von Goliath unterscheiden.

Kommentare:

itst hat gesagt…

Meine letzte Info aus 2009 ist, dass Hauffe bei den Themenportalen draufzahlt. Inwieweit sind sie denn erfolgreich?

Ehrhardt F. Heinold hat gesagt…

Was heisst "draufzahlen"? Da liegt ja genau die Frage: Wenn die Themenportale Marketingzwecke verfolgen (und das sieht ganz so aus), dann wird bei ihnen ebenso "draufgezahlt" wie bei allen anderen Marketingaktionen. Hier wäre dann nur zu klären, wie effektiv dieser Marketingansatz ist - und welche weiteren Effekte ssich zeigen (Marktforschung, Kundenbindung, Neukundentgewinnung, Profildatengenerierung).

hemartin hat gesagt…

Im Abgleich mit diesen Ergebnissen dürften sich auch Investitionen in Social Media & B2B Communities lohnen ;)

Harvard Business Review zur Studie " Effectiveness of 500 Consumer & B2B Marketing Programs"

- 84% aller Marketing-Programme führen zu weniger Marktanteil, nicht mehr
- die meisten Neukundengewinnungs-Programme erreichen nicht den Break-even
- weniger als 10% von Produkteinführungen gelingen
- die meisten Verkaufsförderungsprogramme erzielen einen negativen R.O.I
- der R.O.I. für Werbung lag unter 4%
- bei einer Verdoppelung von Werbeausgaben für etablierte Produkte stieg der Umsatz nur zwischen 1 und 2%