Dienstag, 2. Februar 2010

APE-Konferenz 2010: Ein Nachtrag zum "Future Lab"

Die APE-Konferenz ist zwar schon 14 Tage her - aber ich möchte noch schnell einen Nachtrag liefern zum von mir geleiteten „Future Lab“, bei dem insgesamt 21 Teilnehmer in vier Gruppen spannende Thesen erarbeitet haben.

Die erste Gruppe diskutierte die Frage nach der zukünftigen Wertschöpfungskette beim wissenschaftlichen Publizieren. Zentrales Ergebnis: Aus einer Abfolge von einzelnen Tätigkeiten („Value Chain“) wird ein Netzwerk, eine „Value Cloud“. Zentrale Elemente dieser Wolke sind:
  • Texte erstellen
  • Kommunikation, Qualitätssicherung
  • Erkunden
  • Publizieren
  • Metadaten erstellen
  • Auswählen
  • Zugang
  • Persönliche Verarbeitung
  • Archivierung
  • Verlinkung
  • Nutzung, Lesen
  • Bewertung, Bibliometrie
Der lineare Publikationsprozess löst sich auf, es wird noch mehr Textfassungen geben als heute (möglichweise bis hin zur Auflösung der heutigen "Dokument-Metapher"). Zudem werden andere Wissenschaftler über Kommentierungen noch früher in den Erstellungprozess integriert. Wissenschaftliches Publizieren wird (noch mehr als heute) zur vernetzen Kommunikation.

Neue Rollen - vor allem für Bibliotheken

Die Rolle der am Publikationsprozess Beteiligten wird sich, so die Prognose der zweiten Gruppe, teilweise dramatisch ändern: Die zentrale Rolle werden weiterhin die Wissenschaftler behalten – sie sitzen im „Driving Seat“. Verlage werden für sie Dienstleistungen erbringen – und zwar v.a. in den Bereichen:
  • IT-Kompetenz
  • Peer Reviewing (Qualitätssicherung)
  • Kommunikation
  • Verbreitung
Verlage müssen sich dazu in die wissenschaftlichen Communities integrieren und sich eng mit den Kunden vernetzen.

Der größte Wandel kommt nach Meinung der Gruppe auf die Bibliotheken zu, da sie ihre traditionellen Aufgaben (Sammeln und Bereitstellen) weitgehend verlieren. Neue Aufgaben können sein:
  • Informationsberater
  • Lizenzagentur zum Erwerb von Inhalten
  • Verwalter, oder sogar Verleger von wissenschaftlichen Inhalten
Inhalte: Neue Bewertungskriterien, neue Formate

Die dritte Gruppe beschäftigte sich mit der Veränderung der publizierten Inhalte. Zentrale These dieser Gruppe: Da das dominierende Bewertungskriterium ("Impact Factor“) durch weitere Faktoren ergänzt werden wird, steht zukünftig nicht mehr alleine der Artikel im Mittelpunkt. So werden für Wissenschaftler, aber auch für die Geldgeber, andere Publikationsformen interessant, z. B. Datenbanken oder Textsammlungen auf Servern.

Daneben werden Textinhalte zunehmend durch weitere Elemente angereichert. Auch die Kommentare und Diskussionen zu veröffentlichter Texte werden mehr Bedeutung erhalten und Teil der Veröffentlichung werden (wie heute schon bei Blogartikeln).

Die Gruppe prophezeite zudem, dass Fachartikel kürzer werden, weil wegen der zunehmenden Menge an Veröffentlichungen eine Konzentration auf das Wesentliche immer wichtiger wird: Formale Einleitungen und lange Herleitungen entfallen.

Der Autor wird zum Kunden: Wer bezahlt wofür?

Zur Frage „Wer wird wofür bezahlen“ stellten die Teilnehmer der vierten Arbeitsgruppe (weitgehend für den STM-Bereich) fest, dass zukünftig Autoren im Mittelpunkt der Geschäftsmodelle stehen werden. Der Autor wird der – zahlende! - Kunde, so funktioniert schon heute das Open Access-Modell. Verlage werden in diesem Szenario weiterhin gebraucht, und zwar als Service-Provider – Konsequenz: „ Publishers must compete in a service economy, not in a content economy.“ Verlage bekommen dadurch neue Konkurrenz von technickaffinen Unternehmen.

Die Gruppe folgerte, dass die meisten Publikationen kostenfrei zugänglich sein werden. Allerdings wird dadurch, so die These, insgesamt kein Geld gespart, sondern die immer komplexer werdenden Services (wie z.B. das „Content Enrichment“) werden mehr Geld kosten als heute. Auch die Langzeitarchivierung, nicht nur von Publikationen, kostet Geld, und kann eine Aufgabe für Verlage sein.

Die Rolle der Bibliotheken sieht auch diese Gruppe kritisch, da sämtliche Inhalte digital zugänglich sein werden, und auch die Archivierung von anderen geleistet wird.

Abschließend noch ein Lektürehinweis: Janneke Adema hat im Open Reflections-Blog einen sehr ausführlichen Tagungsbericht verfasst.

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