Donnerstag, 21. Januar 2010

APE-Tagung 2010: Kunden, Content, Service, Technik - das wissenschaftliche Publizieren wird immer komplexer

Die APE-Konferenzen wurden 2006 von Arnoud de Kemp gegründet, um ein Dialogforum zwischen Wissenschaftlern, wissenschaftlichen Institutionen, Bibliotheken, der Politik und Verlagen zu schaffen - Streitpunkt damals: Open Access, also der kostenfreie Zugriff auf wissenschaftliche Publikationen. Doch auf der 5. APE-Konferenz , an der ich vom 19. - 20.01.2010 in Berlin teilgenommen habe, spielte das Thema Open Access keine zentrale Rolle mehr. Dafür gibt es zwei Gründe:
  • Open Access hat sich zwar Publikationsmodell etabliert, doch es ist, wie Referent und Thieme-Manager Guido F. Herrmann betont, nur ein Modell - mit zudem begrenztem Potential: Schätzungen gehen davon aus, dass unter 5% der Veröffentlichungen nach dem Open Access-Modell publiziert werden. Politik und wissenschaftliche Organisationen setzen zwar weiter auf dieses Modell, werden sich aber zunehmend auch mit den Begrenzungen auseinandersetzen müssen.
  • Dr. Svenja Hagenhoff von der Universität Göttingen zeigte in ihrem Vortrag, dass Open Access keine Lösung für die wachsende Lücke zwischen produziertem und veröffentlichten Inhalten bietet. Die Gründe: Open Access-Publishing kostet nicht weniger und ändert das Publikationssystem nicht grundlegend.
Die wesentlichen Herausforderungen für das wissenschaftliche Publizieren liegen weniger in der alten Debatte "kostenloser oder freier Zugang", sondern bei der Bewältigung zunehmend komplexer werdender Publikationsanforderungen:
  • Die Wissenschaftskommunikation wird immer digitaler, immer schneller, immer komplexer. Wissenschaftler wollen einen "Immer und Überall-Zugang", sie wollen Inhalte nicht nur lesen, sondern auch verarbeiten (z.B. verschlagworten und verlinken) können. Diese Anforderungen richten sich nur an Verlage, sondern an alle Beteiligte, wie z.B. die Forschungseinrichtungen, die sich dazu in der Allianz Initiative zusammengeschlossen haben, von der DFG-Präsident Dr. Matthias Kleiner berichtete.
  • Immer mehr Wissenschaftlicher produzieren immer mehr Output, der mit dem klassischen Publikationsmodell nicht mehr bewältigt werden kann - nicht von Verlagen, nicht von Bibliotheken, und auch nicht durch das Open Access-Modell. Diese Kernfrage, bemängelte Dr. Ingrid Wünning Tschol von der Robert Bosch Stiftung, werde zur Zeit nicht qualifiziert diskutiert oder bearbeitet.
  • Qualitätssicherung und Reputationsermittlung haben, je mehr Inhalte es gibt, eine wachsende Bedeutung: Wissenschaftler brauchen hochwertige und geprüfte Inhalte. Doch die Instrumente zur Ermittlung der Reputation erweisen sich als nicht ausreichend, wie u.a. Michael Jubb, Direktor beim Research Information Network (RIN), und Jan Velterop erläuterten: Der Impact-Factor hat sich zwar etabliert, auf ihm basieren Förderprogramme, Anschaffungsentscheidungen und Karrierebausteine - doch die Wissenschaftler ziehen seine Aussagekraft immer mehr in Zweifel.
  • Die klassischen Produktformen "Artikel", "Aufsatz" und "Monographie" sind (und bleiben auf absehbare Zeit) der Kern der Wissenschaftspublizistik. Doch sie werden, vor allem in den naturwissenschaftlichen Disziplinen, verstärkt durch neue Veröffentlichungsformen abgelöst, die auf der Semantic Web-Technologie basieren. Prof. Stefan Gradmann von der Humboldt Universität in Berlin erläuterte, wie aus statischen Artikeln dynamische Dokumente werden (siehe dazu seinen spannenden Aufsatz über "Verwertung vs. Verbeitung").
  • Aber auch der Fachartikel verändert sich. IJsbrand Jan Aalbersberg, Vice President, Innovation and Product Development bei Elsevier, stellte "Elsevier's Article of the Future" vor. Die Grundprinzipien: Granular, Hypertext, mehrmedial. Einzelne Bestandteile wie Tabellen oder Grafiken können direkt aufgerufen werden, Hintergrundinformationen werden verlinkt und multimediale Bausteine sind abrufbar. Pilotprojekt ist die Zeitschrift "Cell".

Aus all dem leite ich folgende Thesen ab:
  • Open Access hat sich zu einem weiteren Geschäftsmodell (wenn auch mit begrenzten Potential) entwickelt, das von Verlagen integriert wird, aber deren Rolle nicht grundlegend verändert.
  • Produktmarken (wie Zeitschriften) in Kombination mit dem Wissen um Qualitätsprüfungsprozesse sind und bleiben zentral für die Bedeutung von Verlagen.
  • Die Kompetenz beim Management von Inhalten bleibt eine Kernkompetenz von Verlagen, auch wenn das technische Know how ständig weiter entwickelt werden muss. Die beiden Themen ergänzen sich: In einer digitalen Welt wird die Verarbeitung der von "Content" immer mehr durch technische Prozesse bestimmt.
  • Serviceleistungen, die Inhalte nicht nur veredeln, sondern auch in den Workflow von Institutionen und Wissenschaftlern integriere, werden immer wichtiger in der Wertschöpfung. Zukünftig könnten in einigen Bereichen diese Leistungen vergütet werden, und nicht mehr (nur) das verlegerische Produkt.
  • Verlage bringen, wie Guido F. Herrmann berichtete, vor allem die Kundenperspektive ein - und sorgen so für eine bedarfsgerechte Versorgung von Wissenschaftler und Bibliotheken mit wissenschaftlichen Inhalten.
Die Kernfrage wird immer die gleiche bleiben: Mit welchem "Informations-und Publikations-Mechanismus" kann die "Scientific Community" am besten unterstützt werden? Zurecht merkte Dr. Albrecht Hauff, Geschäftsführer vom Georg Thieme Verlag, in der Schlussdiskussion an, dass private Unternehmen vieles besser und innovativer organisieren als öffentliche Einrichtungen - zumal in einem Bereich, der nicht zu ihrer Kernkompetenz gehört (wie das Management komplexer Contentprodukte).

Dazu ein letzter Kommentar. Viele Verlage haben Fehler gemacht, sie haben eine teilweise kundenunfreundliche Preis- und Lizenzpolitik verfolgt (gegenüber ihrer Hauptkundengruppe Bibliotheken), sie haben ihre Leistungen (gegenüber Kunden und der Politik) nicht ausreichend erklärt, und sie haben sich nicht genügend um die Kunden und ihre Bedürfnisse gekümmert (Autoren, Leser, Bibliotheken). Das hat sich geändert. Der Dialog hat längst begonnen. Open Access taugt nicht mehr als Feindbild.

1 Kommentar:

Alexander Gerber hat gesagt…

...ein manueller Trackback:

http://www.scienceblogs.de/sic/

;-)