Freitag, 23. Oktober 2009

Service plus Content: Wie aus Free wieder Paid wird

Durch Leander Wattig bin ich erst jetzt auf einen schon Anfang 2008 erschienenen Blogbeitrag des Wired-Herausgebers und Technologietheoretikers Kevin Kelly aufmerksam geworden, in dem dieser acht Möglichkeiten beschreibt, mit denen aus Nutzern zahlende Kunden gemacht werden können. Den Artikel "Better Than Free" gibt es auch in einer deutschen Übersetzung, die ich hier verwenden möchte. Das Thema Paid beschäftigt mich schon lange, und Kelly Thesen stützen meine Behauptung, dass immer mehr Inhalte nur noch durch zusätzliche Services verkaufbar sind.

Grundsätzlich sieht Kelly das Internet als ein Medium, das darauf ausgerichtet sei, "dem Fließen der Kopien so wenig Reibungswiderstand entgegenzusetzen wie möglich. Tatsächlich fließen die Kopien so ungehindert, dass wir das Internet als einen Supraverteiler sehen können, in dem eine Kopie, sobald sie einmal ins System eingebracht ist, endlos durch das Netzwerk fließt, so wie elektrischer Strom in einem Supraleiter. Die Auswirkungen können wir in unserem täglichen Leben sehen: Wird ein kopierbarer Gegenstand mit dem Internet in Berührung gebracht, dann wird er kopiert, und diese Kopien lassen sich nicht mehr aus der Welt schaffen."

Diese Eigenschaft macht aus einem einstmals knappen Gut (Information, aber auch Unterhaltung in Form von Musik oder Film) ein Massengut, für jeden zugänglich, unendlich kopierbar - und damit wertlos. Es gilt also, so Kelly, nach dem Unkopierbaren zu suchen, nach dem Wertstiftenden: "Wenn Kopien im Überfluss verfügbar sind, wird das Unkopierbare knapp und wertvoll."

Kelly findet acht unkopierbare, immaterielle Werte:
  1. Unmittelbarkeit: Zeitlicher Vorteil durch sofortigen Zugriff
  2. Personalisierung: Naturlich, viel diskutiert, auch schon vor mir in diesem Blog
  3. Interpretation: Kelly illustriert das mit einem Beispiel aus der Softwareindustrie: Das Programm ist kostenlos, aber die Beschreibung kostet etwas. Ähnliches gilt ja schon lange für Gesetzestexte, die zunehmend frei verfügbar sind, aber der Kommentar bleibt wertvoll.Das gleiche gilt für Nachrichten: Die Meldung ist nichts mehr Wert, aber die Einordnung und Interpretation sehr wohl.
  4. Authentizität: Echtheit, Unmittelbarkeit zählen hier, gerade weil die Kopie wertlos geworden ist. Das signierte Buch z.B.
  5. Zugänglichkeit: Besitz wird Balast, macht unbeweglich. Die Zukunft liegt "in the Cloud", in der Netzwolke: Zugriff von überall, mit jedem Gerät wird wertvoll.
  6. Verkörperung: Das Erlebnis ist einmalig, ein Konzert, eine Lesung, nicht mehr das Medium.
  7. Patronage: Ein sehr interessanter Gedanke. Die Nutzer wollen die Künstler entlohnen. Das deutsche Lehrerportal 4teachers erzielt mit solchen freiwilligen Beiträgen eine Teil seiner Einnahmen.
  8. Auffindbarkeit: Hinter dieser etwas abstrakten Wertschöpfung verbirgt sich der alte Verlags- und auch Buchhandelsgedanke: Aus der großen Menge von Medienangeboten filtert ein Verlag eben jene hinaus, die er für interessant (oder auch für kundengerecht) hält. Dem Nutzer gibt er damit die Sicherheit, hier die relevanten Inhalte zu finden und somit nichts zu verpassen - Kelly: "Deswegen werden Verlage, Filmstudios und Plattenlabels (kurz: VFP) nie von der Bildfläche verschwinden. Für den Vertrieb, dafür, die Kopien auszuteilen, sind sie nicht notwendig (dafür sorgt die Netzmaschine). Aber die VFP sind notwendig, um die Aufmerksamkeit der Nutzer den einzelnen Werken zuzuteilen. Aus einem Ozean von Möglichkeiten wählen die VFP Werke aus, fördern und verfeinern sie – Werke von Urhebern, von denen sie glauben, dass sie die Fans ansprechen werden. Auch andere Vermittler, wie Kritiker und Rezensenten lenken die Aufmerksamkeit."
Ich finde diese Liste schon sehr gut, glaube aber, dass es noch mehr Ansätze gibt - hier ein paar weitere Ideen:
  • Multimedialität: Inhalte werden durch multimediale Ergänzungen wie Filme, Animationen, Podacsts aufgewertet.
  • Exklusive Verpackung und Aufmachung: Das Phänomen ist im Buchmarkt lange bekannt, auch die Musikindustrie hat entdeckt, dass Fans nicht nur die Musik kaufen, sondern das ganze Paket. So können aus digitalen Kopien können wieder wertige, haptische Produkte werden.
  • Metadaten: Für viele Kunden, z.B. im B2B-Bereich, ist nicht nur die Auffindbarkeit eines Inhalts, sondern sein Kontext, seine Einbindung wichtig. Das geht nur über hochqualifizierte Metadaten.
  • Contextualisierung: Die Zwillingsschwester zur Personalisierung, aber nicht zu verwechseln. Kunden wollen Inhalte im Kontext nutzen, der Architekt z.B. auf der Baustelle über sein iPhone, mit dessen Hilfe er Informationen zu einer Konstruktionsfrage oder einem Baustoffabruft.
Wie gesagt, erste Idee - to be continued. Immer nach dem Motto: Nichtkopierbare und kundenorientierte Werte schaffen.

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Eine kleine Messebilanz: Buch bleibt Buch...?

Bevor die Messenachwoche schon wieder vorüber ist, möchte ich kurz eine kleine Messebilanz ziehen. Die Fachpresse (wie z.B. das Börsenblatt in seiner aktuellen Ausgabe), aber auch die Messe selbst, haben eine positive Bilanz gezogen. Zurecht: Denn im Gegensatz zu vielen anderen Branchen geht es der Buch- und Fachverlagsbranche gut. Trotz einiger Absagen von Feten spüren vor allem die Publikumsverlage nichts von der Krise, einige baden sogar in Rekordverkäufen.

Die Buchmesse sah deshalb so aus wie immer - wie eine Buchmesse eben: Hallen voller Bücher, voller Autoren, Verlagsmanager und Presseleute. Bücher im Gespräch... Dieser Teil des Buchmarktes funktioniert wie immer - und kann es sich leisten, einen Megaseller wie Dan Browns Sakrileg nur gedruckt auszuliefern. E-Book? Machen wir später, sagte Herstellungsleiertin Andrea Tenorth von Lübbe bei einem Buchrport-Podiumsgespräch. In Deutschland entgehen einem Verlag ohne digitale Ausgabe offenbar keine Umsätze...

Diese Aussage gilt in Deutschland für die Belletristik, für das Kinder- und Jugendbuch, aber nur noch schon eingeschränkt für die Segmente Ratgeber, Fachbuch und Wissenschaftspubklikationen. Hier sind die Auswirkungen der Digitalisierung viel stärker spürbar.

Für Briten und Amerikaner ist das schon nicht mehr vorstellbar - das wurde auf der TOC Konferenz des O'Reilly-Verlages am Messevortag mehr als deutlich. In diesen Ländern ist E-Book kein Hype, sondern Realität. In Deutschland, so merkte es ein Refernet zu recht an, wird über Innovationen viel geredet, aber eher wenig ausprobiert und umgesetzt. Bei uns glaubt man den Erfolgsgeschichten nicht richtig, die z.B. von Andrew Savikas von O'Reilly Media erzählt werden: In seinem Vortrag beschreibt er - mit Zahlen - die Erfahrungen in seinem Verlag mit E-Books und Smartphone-Apps. Folgende Grafik der USA-E-Book-Umsätze wurde mehrfach gezeigt:


Wie machen die Amerikaner das? Ist das nur Technikbegeisterung? Die Erfolgsfaktoren für E-Books sind einfach - und nochmals gebündelt auch in folgender Grafik nachzulesen, die von Ann Betts (Nielsen Book) auf der TOC präsentiert wurde:

Überhaupt das E-Book - zwar wieder Hype, aber doch viel abgeklärter als 2008. Leider gab es, wie 2008, wieder keine E-Medien-Fläche, auf der Fachbesucher ohne detaillierte Kenntnisse Geräte anschauen und Inhalte ausprobieren konnten...

Google: Vom Scanner zum Publisher

Eines der spannendsten Themen für mich war die Präsentation des neuen Angebots "Google Editions" auf der TOC Konferenz, mit denen der Suchriese zum einen sein Buchprogramm monetarisieren, zum anderen in direkte Konkurrenz zu Amazon treten möchte. Das Konzept: "The books bought from Google, and its partners, would be accessible on any gadget that has a Web browser, including smartphones, netbooks and personal computers and laptops. A book would be accessible offline after the first time it was accessed. Google will collect 55 percent of the profits, Turvey said, giving a "vast majority" of that to retailers, and the rest will go to the publisher."

Mitmachen können alle Verlage, die am Partnerprogramm teilnehmen. Und, im Unterschied zur hier zitierten Presseankündigung, wurde in Frankfurt auch die Lieferung von gedruckten Büchern angekündigt (und zwar in Zusammenarbeit mit dem weltweit führenden BoD-Anbieter Lightning Source). Womit Google zum einen zu einem der größten Buchshops wird, und zum anderen das Trendthema Self Publishing weiter nach vorne bringt...

Von der Buch- zur Medienmesse

Unter der Buchoberfläche läuft in Frankfurt in vielen Segmenten längst eine Medienmesse, sichtbar vor allem bei Fachverlagen wie Springer, Weka, Haufe oder de Gruyter, die ihre Messestände auch schon entsprechend umgebaut haben. Bücher und Zeitschriften sind Teil eines Medienmixes, der zunehmend durch Online und Mobile ergänzt und auch abgelöst wird.

Die neue Medienwelt hat im Marketing längst einzug gehalten - noch nie gab es so viele Veranstaltungen zu den Themen Twitter, Blogs und Communities. Immer mehr Verlage und Buchhandlungen nutzen diese neuen Kommunikationskanäle, um direkt mit ihren Lesern in Kontakt zu treten.

Mein Fazit: Eine Branche im Aufbruch, in einigen Bereichen optimistisch und kerngesund, in anderen (Special Interest, Fachverlage) auch kerngesund, aber doch deutlich verunsichert... Und alle sehr an Informationen zu Innovationen interessiert.

PS: Die Suche nach "neuen" Geschäftsmodellen wurde auch in Frankfurt intensiv fortgesetzt. Ich hatte mir als Aufgabe gesetzt, diesen Begriff endlich mal näher zu betrachten und sogar zu definieren. Ist das gelungen? Lesen Sie selbst (Vortragsdownload)...