Dienstag, 15. Dezember 2009

Scoyo-Verkauf - oder welche Chance haben Nachhilfeportale und E-Learning?

Das Nachhilfeportal Scoyo galt allen, die sich näher mit dem Thema beschäftigt haben, als eines der interessantesten Projekte im E-Learning-Bereich. 50 Mitarbeiter entwickelten in Hamburg eine Lernplattform für Schüler, sehr modern, sehr aufwendig, sehr ambitioniert. Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski hatte das Thema Bildung ganz oben auf seine "Neue Geschäftsfelder"-Agenda gesetzt und im Juli 2008 in Spiegel Online erklärt: "Bildung ist in unserer modernen Gesellschaft ein Megatrend. Wir wollen im Bereich Weiterbildung mehr machen. Wir haben ein Projekt für Online-Bildung gestartet und beschäftigen uns im angloamerikanischen Raum mit Anbietern, die Berufsausbildung etwa für Krankenschwestern oder Buchhalter anbieten."

Mit dem "Projekt" war Scoyo gemeint. Doch nun, kaum 1,5 Jahre später, wird Scoyo verkauft, und zwar konzernintern an Super RTL, das ja mit Toggo und vor allem Toggolino eines der erfolgreichsten Bezahlangebote im Bereich Games für Kinder bertreibt. In Wahrheit ist das ein Asset Deal, die Scoyo-Substanzen werden einfach in eine bestehende Infrastruktur integriert, wie der Branchendienst turi2 zu recht feststellt: "Bertelsmann holt Disney bei Scoyo mit ins Boot und reicht die Lernplattform an den gemeinsamen TV-Sender Super RTL weiter. Somit trennt sich der Konzern anders alt vermutet doch nicht komplett von Scoyo, sondern handelt nach dem Motto: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Leiden müssen jetzt auch die Mitarbeiter: Ein Großteil der 50 Angestellten wird wohl nicht von Super RTL übernommen. Scoyo wurde 2007 als Prestige-Projekt gestartet und bietet Schülern der Klassen 1 bis 7 Lernhilfen an - gegen fünf bis zehn Euro pro Monat aus Mamas und Papas Geldbeutel. In den vergangenen zwei Jahren soll der Aufbau von Scoyo über 20 Mio Euro gekostet haben, ohne nennenswerte Einnahmen einzuspielen, denn die Nutzerzahlen erreichen nicht die kritische Masse. Laut unabhängigen Messdiensten wie Alexa und Google AdPlanner dürfte die Zahl der Besucher bei unter 200.000 im Monat liegen. In Zukunft dürfte Scoyo bei Super RTL nur eine ergänzende Rolle spielen neben den Marken 'Toggo' und 'Toggolino', zwei ähnlichen Angeboten, die sich erfolgreich an ein jüngeres Publikum richten."

Warum ist Scoyo nicht erfolgreich gewesen? Mir fallen zwei Gründe ein:

Erstens scheint es bis heute keinen Markt für "virtuelle Nachhilfe" zu geben. Eltern wollen wissen, wo und wie ihr Kind lernt, welche Lernfortschritte der Nachhilfelehrer sieht und wofür sie das (viele) Geld ausgeben. Schon Cornelesen und vor allem Klett (noch immer mit der Begräbnismeldung im Netz) waren auf diesem Gebiet nicht erfolgreich. Wichtiger noch: Die Marktführer im Nachhilfemarkt (Schülerhilfe und Studienkreis) fassen das Thema ebenfalls nicht an und bleiben ihrem Präsenzlernkonzept treu. Gewiss, der Nachhilfemarkt ist lukrativ und wird auf 1 Milliarde geschätzt, dank besorgter Eltern, eines scheinbar unreformierbaren Schulsystems und bei wachsendem Druck auf die Schüler wird dieser Markt sicher nicht schrumpfen - aber er ist kein E-Learning-Markt.

Ein Zweites jedoch kommt hinzu: Scoyo wurde auf der grünen Wiese entwickelt, abseits aller möglichen Synergien. Dieses Versäumnis hat sich offensichtlich vor allem bei der Vermarktung ausgewirkt. Dabei hätte es gute Anknüpfungspunkte im Bertelsmannkonzern gegeben: Zum Beispiel zu Wissen Media, die einen großen Außendienst mit Beratungskompetenz haben und sich auch an Familien richten, die in die Bildung ihrer Kinder investieren. Oder eben zu Super RTL, einer Vermarktungsmaschine, die schon Toggolino zum Erfolg geführt hat...

Scoyo ist kein Hinweis auf das grundsätzliche Scheitern von E-Learning im Kinder- und Jugendbereich. Das virtuelle Lernen hat sich zwar jahrelang schwer getan, weil es technikgetrieben und kundenfern entwickelt wurde. Diese Zeiten sind vorbei, vor allem weil E-Learning nicht mehr den Anspruch hat, das Präsenzlernen zu ersetzen. Wie bei den Medien geht es nicht so sehr um Kannibalisierung, sondern um Ergänzung. In einem "Blended Learning-Konzept", oder als Ergänzung zu bestehenden Medien wäre Scoyo vielleicht chancenreicher gewesen. Aber die grüne Wiese schien einfach verlockender gewesen zu sein...

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