Mittwoch, 22. April 2009

Media Coffee: Verlage zwischen Klagen, Fordern und Innovationen

"Medienkrise"? Nein, die gäbe es gar nicht, stellt G+J-Verlagsgeschäftsführerin Julia Jäkel fest. Die gut gemachten Zeitschriften haben Auflagensteigerungen, entsprechende Internetangebote Reichweitengewinne. Schwierigkeiten bekommen nach Jäkels Meinung nur jene Titel, die "handwerklich" nicht gut gemacht sein. Diese Entwicklung werde durch die Wirtschaftskrise lediglich beschleunigt.

Ganz so einfach stellte sich in der Diskussion die Situation jedoch nicht da. Auf Einladung der dpa-Tochter news aktuell saß im Hörsaal der Bucerius Law School eine hochkarätige Runde zum Auftakt der Media Coffe-Reihe zusammen. Thema: "Gewinner und Auslaufmodelle - Wer profitiert von der Medienkrise?" In einem waren sich die Verlagsvertreter schnell einig: Ihre Inhalte sind spitze und treiben die Internetmaschine an. Das Problem: Andere verdienen damit Geld, wie Christoph Keese, Konzerngeschäftsführer Public Affairs bei Springer, gewohnt eloquent ausführte: Die Portalbetreiber verdienen, die Zugangsprovider verdienen - nur die Verlagsbranche ginge (weitgehend) leer aus... Das könne so nicht bleiben.

Und so wurde, einmal mehr, die Idee von bezahlten Inhalten und Services ventiliert. Erstaunlich, selbst der Spiegel, hier vertreten durch Verlagleiter und Internetpionier Fried von Bismarck, konnte sich eine Art Contentflatrate vorstellen, vergleichbar mit Systemen wie der GEMA oder der Kopierabgabe (siehe dazu den Bericht bei Horizont). Allerdings müsse sich ein solch komplexes System erst etablieren, aber die wilde Phase des Netzes sei vorbei, jetzt komme die zivile Phase, in der auch die Politik und der Gesetzgeber gefragt sein.

Christoph Keese stimmte zu, und appellierte dann dafür, bei den mobilen Geräten nicht wieder nur Kostenlosangebote zu setzen. Im iTunes-Store seien die Verlage die einzigen, die ihre Apps kostenlos zur Verfügung stellen. Insgesamt sind sich die Verlagsmanager einig: Online und Mobile stehen erst am Anfang, die Geschäftsmodelle müssen noch weiter entwickelt werden. Moderater Meinolf Ellers, Geschäftsführer dpa-infocom, zitierte eine Hoffnung Hubert Burdas: Erst müsse die Kirche voll sein, dann könne man auch den Klingelbeutel herumgehen lassen. Das habe sich so jedoch bisher nicht erfüllt (wie auch das schöne Lousy Pennies-Zitat von Burda belegt).

Skeptisch gegenüber Bezahlmodellen zeigte sich Zeit-Geschäftsführer Rainer Esser. Er setzt bei der Finanzierung seines Internetangebotes auf eine Vielzahl von Erlösmodellen, nicht jedoch auf Paid-Ansätze. Sein Erfolgsrezept: Innovationen, Pioniergeist - und eine enge Zusammenarbeit aller Abteilungen "ohne Politik" - an welche Verlagshäuser Esser da wohl gedacht hat...

Das Thema Bürgerjournalismus und Web 2.0 wurde auch behandelt, allerdings eigentümlich widersprüchlich: Auf der einen Seite sehen sich die Verlage mit hochwertigen Inhalten vollkommen ungefährdet durch all die Foren, Blogger und Twitterer. Auf der anderen Seite sehen sie hier auch Chancen für sich. Christoph Keese: Internet bedeutet Vernetzung mit dem Leser, die Bildgruppe macht es ja vor (jüngster Coup: Die Integration von Facebook Connect). Auch Julia Jäkel zeigte sich begeistert von Chefkoch.de, der größten Kochcommunity Europas, die G+J erst im November 2007 gekauft hat. Vor allem erstaunlich sei hier die Kosten- und Erlösstruktur, die es sonst so im Verlagshaus nicht gäbe.

Wie immer wunderbar war Kay Oberbeck, Unternehmenssprecher Google Nord- und Zentraleuropa, der sich so verhielt, wie Google-Vertreter sich in solchen Situation immer verhalten: Freundlich, unverbindlich - und ganz auf Harmonie bedacht. Google wolle für alle stets das Beste, vor allem für die Nutzer, aber auch für die Verlage, mit denen es schließlich kooperiere... Im Übrigen sei Google noch immer kein Medienunternehmen und beschäftige bei knapp 22.000 Mitarbeitern keinen einzigen Redakteur. Nun ja, das wäre ja auch Geldverschwendung, wo doch die Verlage ihre tollen und wertigen Inhalte auf dem Silbertablett servieren...

Eigenartig oberflächlich wurde das Thema der Printmedien behandelt. Die Verlagsvertreter konnten hier nur auf die großen Erfolge ihrer eigenen Titel hinweisen. Ist also die ganze Diskussion um die verschenkten Abos, um den Niedergang des Pressegrossos, um die wegbrechenden Jungleser nur eine Chimäre, ausgelöst durch handwerkliche Fehler und mangelndes Selbstbewusstsein der Verlage, wie Frau Jäkel mutmaßte?

Als Moderater Meinolf Ellers, Geschäftsführer dpa-infocom, zum Abschluss nach dem Megatrend 2010 fragte, gab es einige überraschende Antworten: Frau Jäkel freut sich auf neue Printlaunches, Christoph Keese sieht die Verschränkung von Makro- und Mikro-Informationen als Killer-Applikation (also große Politik kombiniert mit den Nachrichten aus dem eigenen Verein), Rainer Esser ist, wie Fried von Bismarck, kein Freund von Visionen ("Ich interessiere mich mehr für die nächste Woche") und will seine Medienmarke weiter crossmedial entwickeln, Kay Oberbeck schließlich setzt auf personalisierte und contextbasierte Informationen ("iGoogle ist die am schnellsten wachsende Applikation").

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