Dienstag, 24. Februar 2009

XML: Endlich werden die Potentiale erkannt!

Alte Contentmanagementhasen reiben sich verwundert die Augen: Die Verlagswelt entdeckt XML. Jetzt erst! Das Vorgängerformat SGML hat schon Jahrzehnte auf dem Buckel, und auch XML gibt es nicht seit gestern. Innovative Fachverlage, vor allem aus dem STM-Bereich, beschäftigen sich seit über 20 Jahren mit Datenstrukturierung und dafür geeigneten Technologien.

Doch erst jetzt hat der us-amerikanische O'Reilly-Verlag das Projekt "Start with XML" gestartet, das folgende Ziele verfolgt: "StartWithXML is an industry-wide project to understand and spread the knowledge publishers need to move forward with XML. It's about the business issues driving the 'why' of XML and the technical and organizational issues, strategies, and tactics underlying the 'how' of getting started." Gerade hat die Initiative einen Report veröffentlicht, der vier zentrale Fragen thematisiert:
  1. "Where am I and where do I want to end up?
  2. How much benefit do I want to obtain from content reuse and repurposing?
  3. How much work do I want to do myself?
  4. How much time and money will this take?"
Die Beantwortung dieser vier Fragen stellt in der Tat eine gute die Basis für eine Einscheidung zum Einstieg in die Datenstrukturierung mit XML dar. Getrieben wird die Entwicklung durch das E-Book und die dazu benötigen Datenformate epub und Mobipocket, die beide - welch Wunder, welch Staunen - auf XML basieren.

Was für einige Pioniere ein alter Hut ist, stellt die meisten Publikumsverlage vor große Herausforderungen: Sie haben immer nur in dem einen Printprodukt gedacht, nicht in strukturiertem Content. Der Satzdienstleister Jürgen Jung stellt dazu in einem lesenswerten Buchmarkt-Interview fest: "Bei vielen Verlagen besteht eine nicht mehr begründbare Scheu vor XML. (...) Mit Ausnahme einer Anzahl Fach- und vereinzelter belletristischer Verlage haben die Verlage allerdings in der Vergangenheit wenig Aufmerksamkeit auf eine Produktion auf der Grundlage medienneutraler Daten gelegt. Diese uneinheitlichen und unstrukturierten Datenbestände gibt es jetzt nicht nur für die Backlist, sondern mit jeder neuen Titelproduktion kommen solche laufend hinzu. Und dadurch entstehen dann hohe Konvertierungskosten für E-Books oder für zukünftige Mehrfachverwertungen." Sein Plädoyer: "Eine gute, also auf XML-Daten basierende Datenstruktur kann dafür sorgen, dass ein gutes Programm den Content zielgerichtet für das avisierte Anzeigegerät ausformatieren kann. So können für die verschiedensten Produktgruppen eines Verlages Konvertierungsprogramme erstellt werden, die dann passen. Das Allerwichtigste und A und O ist die Qualität der Quelldaten. Darauf aufsetzend werden Konvertierscripts erstellt, die dann in den Produktionsworkflow integriert, automatisiert für eine qualitativ hochwertige Ausgabe sorgen können."

Jürgen Jung spricht zwar pro domo, hat dennoch Recht. Das Thema Datenstrukturierung steht nun zurecht bei vielen Verlagen ganz oben auf der Agenda. Aus Printverlagen werden Contentprovider. Denn mit strukturiertem Content wird nicht nur die automatische Belieferung von unterschiedlichen Ausgabekanälen möglich, sondern Informationen können mit Mehrwerten angereichert und in neuen Kontexten verwendet werden. Dazu gibt es viele Beispiele, ich Verweise auf die kreativen Überlegungen von Adrian Holovaty auf dem XML-Blog (ebenfalls vom umtriebigen O'Reilly) zu journalistischen Inhalten, die auf konsequentem XML-Einsatz basieren: "The following list of ideas introduces a level of automation/dynamism that solves a couple of problems and makes news stories more dynamic. Each idea is implemented via an XML tag, assuming a story is stored as XML." Klasse Ideensammlung, und bis dato noch von keiner Onlinezeitung realisiert...

XML ist nur ein Datenformat, eine Technologie; dahinter steht die Frage nach der Strukturierung von Inhalten, dahinter die Frage nach Kundenbedürfnissen. Jedes "Start with XML"-Projekt sollte also nicht in der IT-Abteilung beginnen, sondern im Produktmanagement, im Marketing - beim Kunden also.

1 Kommentar:

Trendschau hat gesagt…

Spannender Beitrag, bei den Verlagen, für die ich tätig bin, ist XML schon länger ein Thema, das sind allerdings auch Fachverlage.

Was mir noch fehlt ist ein einfacher Formatter, über den man die Gestaltung und Medienausgabe steuern kann und der vor allem auch in die umgekehrte Richtung arbeitet, also zum Beispiel von RSS nach PDF. Stylevision sieht z.B. anwenderfreundlich aus, ist für den Privatmann allerdings auch noch recht oversized. Vielleicht kennen Sie da was?

Sebastian / Trendschau