Freitag, 6. Februar 2009

Paid Content: Phantom(schmerz) oder Chance - eine kleine Blütenlese

Die lawinenartige Zunahme von Beiträgen zum Thema Paid Content / Paid Services müsste einen alten Verfechter dieses Geschäftsmodells eigentlich glücklich machen. Nach anfänglicher Freude ("endlich wieder eine ernsthafte Diskussion") wächst bei mir jedoch die Skepsis. Die Diskussion wird nicht geführt, weil Bezahlinhalte die Phantasie von Medienmachern beflügeln (wie es das Thema Web 2.0 getan hat), sondern schlicht aus Verzweifelung über die ins Stottern geratene Werbefinanzierung.

Ist Paid Content also doch nur der Phantomschmerz einer ratlosen Branche? Mit Bezahlinhalten wollen die meisten Medienmacher nichts zu tun haben - sie haben diesen Ansatz noch 2008 vom Tisch gewischt (Fachverlage sind wie stets ausgenommen - wobei auch in diesem Segment bei einigen namhaften Verlagen die Paid-Verfechter arg in die Defensive geraten sind).

Jetzt reden also alle darüber. Ich möchte Ihnen hier eine kleine Auswahl aktueller Beiträge geben. Wobei, und das als letzte Vorbemerkung, ich sehr gespannt wird, ob aus Absichtserklärungen ("müsste eigentlich", "wäre notwendig") tatsächlich kundenorientierte Bezahlangebote entwickelt und professionell vermarktet werden.

In Spiegel Online, dem erfolgreichen Pionier der Kostenloskultur, gibt Christian Stöcker unter der Überschrift "Comeback des Bezahl-Internets?" einen Überblick zu aktuellen Ansätzen. Verlage hoffen dabei vor allem auf die mobilen Endgeräte, weil der Kunde hier das Bezahlen ja schon gewohnt sei (ich nenne das "Klingelton-Konditionierung"): "Bereits 2006 begann die belgische Zeitung 'De Tijd' übrigens als weltweit erste mit dem Versuch, Zeitungsabonennten testweise mit E-Readern auszustatten. Über zwei Jahre lief ein europäisch grenzüberschreitend koordinierter Versuch mit Betatestern. Auch deutsche Tageszeitungen waren daran beteiligt. Die Ergebnisse wurden aber nie öffentlich gemacht. Seit Mitte 2008 läuft ein weiterer Versuch: Diesmal geht es um Lieferungen für alternative mobile Geräte wie das iPhone. Beteiligt sind die Deutsche Telekom Laboratories, dpa-infocom und der 'Bonner General-Anzeiger'. Das Projekt 'News4me' soll erproben, ob ein abonniertes elektronisches Format für mobile Lesegeräte attraktiv sein kann, wenn dort Informationen aus verschiedenen Quellen zusammengeführt werden. Hier geht es also mehr nicht um ein Zeitungsabonnement im herkömmlichen Sinn - sondern um eine Art mobilen RSS-Reader. Von subventionierter Hardware allerdings ist bei 'News4me' bislang nicht die Rede."

In die Richtung Mobile Paid geht auch die Google, das seine bekannte Buchsuche jetzt auf dem Handy zugänglich gemacht ( (Googlewatchblog). Und bekanntlich plant Google schon seit längerem den direkten Contentverkauf, wenn es mit Rechteinhabern entsprechende Verträge schließen kann (Heise Online 2007: "Google will E-Books verkaufen").

Es passieren wirklich seltsame Dinge - ein weiterer, profilierter Verfechter der Kostenloskultur, Springervorstand Dr. Andreas Wiele, plädiert Horizont für Online-Bezahldienste - vor allem, weil er bei Print kaum Chancen für Neugründungen sieht: "Wenn die gute originäre journalistische Idee da ist, ja. Aber wir haben im Moment nicht drei Titel in der Schublade, von denen wir so überzeugt sind, dass wir sie starten wollten.“ Stattdessen hofft Wiele laut Horizont auf eine neue Chance für Paid Content, etwa bei Zusatzprodukten und Services: „Das mobile Endgerät und das E-Paper könnten eine Chance sein, darüber nachzudenken. Bei jedem Technologiesprung werden die Karten neu gemischt."

Auch Dirk Mantey, einstiger Zeitschriftenmacher und jetziger Medienblogger, kann sich Bezahlmodelle vorstellen: "So verständlich der Wunsch ist, Journalismus auch im Web kostenpflichtig zu machen, beim „Micro-Payment“ übersieht man meiner Meinung nach die Auswirkung aufs Anzeigengeschäft. Reichweite ist schließlich das, was Zeitungen – und auch Websites - für Werbekunden attraktiv macht. Und Verlage sind dadurch groß und stark geworden, dass sie sehr geschickt von beiden Seiten – Leser wie Werbekunden – Geld genommen haben. Diese Balance ist im Webzeitalter verloren gegangen, und dieses Gleichgewicht müssen die Verlage dringend wiederfinden. Viel geschickter erscheint mir ein kombiniertes Print-Online-Abo. Wenn die Leute die Website nutzen wollen, dann sollte man sie mit einem sehr attraktiven Kombi-Angebot dazu verführen, bitte gleich auch die Zeitung im Printform mitzubestellen. So könnte man die Printauflagen der Zeitung stabilisieren und zusätzlich noch etwas Geld für die Website einnehmen." (Meedia).

Breite Beachtung haben Äußerungen von NYT Editor Bill Keller gefunden. Laut paidContent.org sagte Keller in einer Diskussion: "Information wants to get paid: Keller rejected the concept that says 'information wants to be free.' The exception is 'really good information,' such as the kind of comprehensive coverage offered by the NYT." Keller beschrieb dann die bekannten Modelle (Abo, Pay-per-View und Mobile) und sagte, dass in seiner Reaktion sehr intensiv darüber nachgedacht wird. Zur Erinnerung: Die NYT hatte 2007 alle Inhalte frei zungänglich gemacht in der (nicht eingetretenen) Erwartung, durch Werbung mehr zu verdienen (mehr auf paidcontent.org).

Der Redakteur und geschätzte Blogger-Kollege Jan Tissler plädiert in einem ausführlichen Beitrag in seinem upload-Magazin für mehr bezahlte Dienste. Nach einer eingehenden Analyse der Situation kommt er zu folgenden Fazit, das ich vollkommen untersteichen kann: "Ich will nicht behaupten, dass sich darauf ganze Medienimperien gründen werden. Ich sage auch nicht, dass man nicht mehr auf Werbung als Einnahmequelle setzen sollte. Ich sage nur, dass viel Geld nicht ausgegeben wird, weil potenzielle Kunden einfach keine angemessene Gelegenheit dafür bekommen." Hinweis: Sehr interessant ist die lebhafte Diskussion zu diesem Beitrag.

Interessant ist auch die Äußerung von Christoph Hünermann, Geschäftsführer Wissenmedia. Auf die Frage "Wollen Sie Brockhaus-Inhalte als bezahlten Premium-Content anbieten?" anwortet Hünermann: "Das kann ich mir gut vorstellen" (sorry - die Quelle habe ich leider gerade nicht parat). Mit dieser Strategie war Brockhaus allerdings nicht erfolgreich, wie die Geschichte des Contentportals Xipolis zeigt... Aber die Zeiten ändern sich, und vielleicht findet der neue Brockhaus-Eigentümer, der mit wissen.de selbst ein kostenloses Portal berteibt, ja einen Ansatz.

1 Kommentar:

Klaus Eck hat gesagt…

Vor vielen Jahren habe ich ebenfalls an das Paid-Content-Modell geglaubt, doch mich inzwischen aufgrund des Marktgeschehens eines besseren belehren lassen. Ich bin gespannt, wie die Verlagsbranche tatsächlich Geld mit Online-Inhalten verdienen will.

Angesichts der Web 2.0 - Welt, in der es viele (gute) Inhalte kostenlos gibt und auch geben wird, wenn Verlage Paid Content anbieten, kann ich mir hier eine Wende nicht mehr vorstellen. Wir sind alle kulturell auf das Kostenlos-Modell eingeschworen, so sehr Verlage sich auch anderes erhoffen mögen. Statt weiterhin dem Glauben an diesem "unwahrscheinlichen" Erlösmodell anzuhängen, sollten sie lieber aufgrund der fehlenden Kundenakzeptanz dafür neue Konzepte entwickeln, wie sie ihre Kunden halten und neu gewinnen wollen. Ansonsten machen in Zukunft andere, neue Player ihr Geschäft.