Dienstag, 3. Februar 2009

Bad Google, good Google

An Google arbeiten sich Medien und Verlage beinahe seit der Gründung der Suchmaschine ab. Systemtatisch betrachtet kommen sich Google und Medienanbieter nicht in die Quere: Eine Suchmaschine produziert keine Inhalte, sondern bietet Zugang zu denselben, ein Medienseite bietet Inhalte, aber keine webweite Suche. Das Problem: Die Suchdienstleistung lässt sich durch Werbeeinnahmen finanzieren (sehr gut sogar, nach Schätzungen gehen 60% der Internet-Werbeeinnahmen an Google), anspruchsvolle, redaktionelle Internetangebote jedoch weit weniger - so wenig, dass Hubert Burda auf dem jüngsten DLD schimpfte: "You get lousy pennies on the web" (hier zitiert nach Heise online).

Die Diskussion über die Gewinner und Verlierer der Netzökonomie wurde durch diese Äußerung nochmals befördert. Fest steht: Viele Verlage haben noch keine Strategie gefunden, ihre traditionellen, printbasierten Geschäftsmodelle erfolgreich ins Netz zu transferieren. Fest steht aber auch: Viele Verlagswebseiten würden ohne den Traffic von Google einen erheblichen Besucheranteil verlieren. Ist Google also der Freud - oder der Feind?

Christian Stöcker sieht in einer Analyse für Spiegel Online eine klare Wettbewerbssituation und plädiert unter der Überschrift "Nur Qualität kann Google schlagen" für eine Qualitätsoffensive. Das Kernproblem sieht er darin, dass noch nicht genug Werbegelder eingenommen werden können: "In Wirklichkeit ist die Krise keine publizistische - in Deutschland noch weniger als in den USA. (...) Das Problem besteht vielmehr darin, dass online nach wie vor vergleichsweise wenig für Werbung bezahlt wird - und dass viele Unternehmen sich angesichts der Krise scheuen, überhaupt zu werben, ob im Netz oder auf Papier. Sony beispielsweise machte im vergangenen Quartal 95 Prozent weniger Gewinn als im Vorjahr - wer so viel weniger verdient, dreht jeden Werbe-Euro zweimal um. Das kostet Zeitungen und Magazine Einnahmen. Die Frage ist, wohin die globalen Werbemilliarden fließen werden, wenn die Rezession überwunden ist ... Die im Vergleich zu Print-Anzeigen niedrigen Preise für Banner und ähnliche Werbemittel sind für die Presse schon das zweite Problem aus dem Netz - das erste ist der Verlust des Kleinanzeigengeschäftes, das fast vollständig dorthin abgewandert ist."

Natürlich und zu Recht verweist Stöcker auf den Erfolg von Spiegel Online, das sich ja schon seit einiger Zeit refinanziert. Ist Google also der Feind, den es mit Qualität zu schlagen gilt? Nein, meint Meedia-Autor Stefan Winterbauer. Unter der Überschrift "Google ist nicht der Gegener der Verlage" beklagt er die Doppelzüngigkeit der Verlage: "Das Missverständnis vieler deutscher Verlage drückt sich bereits in der Überschrift des 'Spiegel Online'-Artikels aus. Es kann für Medienhäuser nicht darum gehen, Google 'zu schlagen'. Google ist schließlich kein Anbieter von Inhalten, es ist eine Suchmaschine und ein Anbieter von Online-Services. Verlage und TV-Sender sollten vielmehr nach Wegen suchen, wie Google ihnen nützen kann. Das tun sie ja auch bereits. Nicht umsonst ist die Google-Optimierung von Websites ein beliebter Volkssport geworden. Auf Google zu schimpfen und gleichzeitig hinter den Kulissen SEO-Spezialisten die eigene Website Google-freundlich herrichten zu lassen, das zeigt den zwiespältigen Umgang der klassischen Medienhäuser mit dem Online-Primus."

Winterbauer beklagt - zu Recht! - die Schönrederei und das Ignorieren grundsätzlicher Strukturwandlungen: "Wegen der angeblich stabilen bis steigenden Reichweiten in Print und der steigenden Reichweiten von großen Online-Anbietern, wie eben „Spiegel Online“, versteigt sich dessen Autor Christian Stöcker zur These, dass die Atomisierung der Medienlandschaft Mär sei. Das Problem, so die Schlussfolgerung, sei lediglich, dass die Firmen in der aktuellen Wirtschaftskrise nicht genug Geld hätten, Anzeigen zu schalten. Na prima! Folgen wir der Argumentation und hoffen, dass nach dem Wirtschafts-Winterschlaf in der Werbewelt wieder Milch und Honig fließen. Es könnte ein böses Erwachen werden."

Auch Buchverlage im Zwiespalt

Ähnlich zwiespältig gegenüber Google verhalten sich die Buchverlage. Aktueller Streitfall: Die spektakuläre Einigung von Google mit Verlagen und Autoren in den USA (siehe zu den Details u.a. die Google-Seite und die Information der Authors Guild). Die Autoren bewerten das Ergebnis insgesamt sehr positiv - Roy Blount Jr., President der Authors Guild schreibt: "We expect that millions of out-of-print books (and many in-print books) will be available through Google Book Search to readers, but we don’t know how many, since that depends partly on you. Participating rightsholders can choose to pull their books from this service with reasonable notice at any time and will retain substantial control over Google’s presentation and pricing of their books."

Natürlich - Google hat zunächst rechtswidrig Bücher eingescannt. Aber der Vergleich bietet endlich ein Chance vor allem für nicht mehr lieferbare, aber noch nicht rechtefreie Bücher. Die Diskussion in Deutschland ist gespalten: Die Verbände, also der Börsenverein für die Verlage und der VS für die Schriftsteller, haben von "kalter Enteignung" gesprochen; Börsenvereins-Justitiar Christian Sprang Sprang sieht in der Vergleichsvereinbarung laut Börsenblatt "einen Rückfall in einen früheres Stadium des Urheberrechts und befürchtet die Entstehung monopolistischer Strukturen".

Viele Verleger hingegen stehen der Vereinbarung positiver gegenüber. Holtzbrinck-Manager Rüdiger Salat empfahl dem Verband auf der Tagung der AG Publikumsverlage sogar, nicht immer gleich die "Google-Hasskappe" aufzusetzen (buchreport.express v. 20.01.2009, S. 11). Auch Helmut Dähne und Konrad Delius plädierten laut Börsenblatt für eine "konstruktive Zusammenarbeit mit Google und wandten sich gegen eine zu defensive Position des Verbands. Man müsse lediglich die in den USA getroffene Vereinbarung für Europa und Deutschland modifizieren.".

Für Kleinverleger bietet das Abkommen zudem die Chance, vergriffene Werke erneut zu beleben, wie Wulf D. v. Lucius in einem Interview mit dem Buchreport.magazin feststellt (2/2009, S. 16): "Unsere amerikanischen Kollegen haben einen Vergleich ausgehandelt, der sich durchaus sehen lassen kann. Es gibt eine Art Verwertungsgesellschaft und es ist sichergestellt, dass der Schutz lieferbarer und künftiger Titel sichergestellt ist." Seinem Verband rät er zu einer pragmatischen und konstruktiven Vorgehensweise: " Ich halte es für unrealistisch, dass die deutschen oder europäischen Verleger jetzt in einem weiteren Verfahren zu einem besseren Ergebnis kommen. Man sollte mit seinen Kräften haushalten und auch an die Kostenrisiken eines solchen Verfahrens denken (...) Es kann aus meiner Sicht nur darum gehen, dass hiesige Rechteinhaber bei den Ausschüttungen angemessen berücksichtigt werden."

Die Internetmacht Google ist eine Tatsache. Das Tun des Giganten muss kritisch begleitet, Rechtsverletzungen müssen abgestellt werden. Doch ein Feind ist Google nicht. Google trägt auch keine Verantwortung dafür, dass Verlage sich im digitalen Zeitalter wandeln und teilweise neu erfinden müssen.

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