Freitag, 22. Februar 2008

Reed-Strategie: Abonnement und Paid Content als zentrale Geschäftsmodelle

Viel wird momentan über Werteverfall von Inhalten durch den Trend zu kostenfreien Zugängen diskutiert - auch von mir in diesem Blog (siehe dazu u.a. den Beitrag vom 20.02.2008). In diese Diskussion platzt jetzt die Meldung, dass sich Reed Elsevier von seiner Fachzeitschriftensparte trennen will - dazu das Börsenblatt: "Den Verkauf des Fachzeitschriftenbereichs Reed Business Information ('New Scientist', 'Variety', 'Publishers Weekly', 'Computer Weekly' u.a.) begründet der weltgrößte Fachinformationskonzern mit dem stark anzeigenabhängigen Umsatz, der Reeds auf Abonnements gestützten Strategie zuwiderlaufe. Die Sparte hat im vergangenen Jahr einen Umsatz von umgerechnet 1,3 Milliarden Euro und einen operativen Gewinn von 174 Millionen Euro erzielt."

Dieser Entscheidung zeigt dreierlei:
  1. Wenn ein Unternehmen einen Geschäftsbereich verkauft, der mit knapp 13,4% Umsatzrendite über der Ertragskraft vieler Verlage liegen dürfte, muss er gute Gründe haben. Oder hat hat in den anderen Bereichen noch größere Umsatzrenditen (was bei Reed Elsevier zutrifft: 2007 betrug die Umsatzrendite 26,22%).
  2. Anzeigenumsätze unterliegen viel größeren Konjunkturschwankungen als Abonnementsumsätze. Reed Elsevier setzt also konsequent auf (neudeutsch) Paid Content und markiert damit einen klaren Akzent in der Free Content-Debatte.
  3. Die Vermarktung von wissenschaftlichen Informationen ist und bleibt renditestark, trotz der weiterhin brisanten Open Access-Bewegung.
Die Reed-Zahlen werden die Open Access-Debatte in der wissenschaftlichen Gemeinde weiter anheizen. In jedem Fall zeigt sich, dass die weltweit größte Fachverlagsgruppe an die Zukunft des Geschäftsmodells "bezahlte Inhalte und Dienstleistungen" glaubt - so sehr, dass sie sich von einem Fünftel ihres Umsatzes (und sehr starken Medienmarken) trennen. Gleichzeitig mit der neuen Portfoliostrategie wurde die Akquisition von ChoicePoint bekannt gegeben, einem Unternehmen, dessen Geschäftsmodell ebenfalls auf kostenpflichtigen Informationsservises basiert (Kosten: 2,8 Milliarden Euro).

In einem ausführlichen Artikel bewertet die Financial Times Deutschland die Akquisition von Choicepoint. Unter der Überschrift "Reed Elsevier wird reiner Datenlieferant" beschreibt sie den Wandel des Verlages hin zu einem onlinebasierten Daten- und Content-Providor. Merill Lynch hat den Deal schon positiv bewertet: "Das ist ein vernünftiger Schritt hin zu einem Geschäft, das durch seinen Onlinecharakter mehr den Arbeitsprozessen der Kunden folgt und daher stabiler sein dürfte."

Mittwoch, 20. Februar 2008

Was ist "Content" wert?

Die Diskussion über die Brockhaus-Entscheidung hält an. Eine Kernfrage der Debatte lautet: Was ist "Content", was sind qualitativ hochwertige Inhalte noch wert? Andrian Kreye analysiert diese Frage in der Süddeutschen aus historischer Perspektive: Schon beim Start des kommerziellen Internets habe AOL Content verschenkt, um Kunden zu finden und an sein geschlossenes Onlineangebot zu binden. Entsprechend pessimistisch beurteilt er die Chancen für einen Qualitätsanbieter wie Brockhaus: "Wenn nun eine Institution wie die Brockhaus Enzyklopädie vor dem neuen Geschäftsmodell kapituliert und sich im Netz dem freien Markt aussetzt, dann ist dies ein letztes Rückzugsgefecht eines universellen Kulturbegriffes. Noch fruchtete keiner der verzweifelten Versuche der Kulturwirtschaft, neue Verdienstmöglichkeiten im Netz zu suchen. Ganz konkret tritt Brockhaus nun ab Freitag gegen die Zusammenarbeit zwischen Spiegel Online, Bertelsmann und Wikipedia an, die als Spiegel Wissen seit Dienstag im Netz abrufbar ist. Weil Brockhaus weiterhin mit seiner teuren Expertenredaktion arbeiten wird, Spiegel Wissen aber einen Teil seiner Inhalte umsonst über Wikipedia erstellt, ist Brockhaus von vorneherein im Nachteil. Die Qualität ist da kein Argument. Das haben Youtube, die MP3-Musikdatei und die Blogs schon vorgeführt."

Eine ähnliche Diagnose stellt in der Welt Ulrich Clauss. Anhand des digitalen Bibliotheksprojekts zeno.org der Berliner Firma Directmedia beschreibt er, dass Inhalte in einem Publikumsmarkt nicht verkauft werden können: "Geschäftsführer Ralf Szymanski (39) sieht das neue Geschäft digitaler CD-Rom-Ausgaben von Büchern schon als ein altes: 'Am kostenlosen Internetangebot führt keine Weg vorbei', sagt er. Bezahlmodelle für kostenpflichtige Benutzerabrufe von Netzinhalten hält Szymanski für keine Perspektive. Geld bringe nur begleitende Werbung." Aber auch Directmedia verdient nicht genug mit Werbung .

Keine Frage: Inhalte haben durch das Internet einen beispiellosen Werteverfall erfahren. Vor allem im Publikumsmarkt gelten die gleichen Gesetze wie im Fernsehen: Free TV liefert eine kostenfreie Grundversorgung, Pay TV hängt an exklusiven Inhalten, und das ist vor allem Sport (neben Erotik, für die ja auch im Internet gezahlt wird). Ob Werbung jedoch ausreicht, um die in vielen Printprodukten erreichte Qualität zu finanzieren, bleibt die große Frage.