Mittwoch, 12. November 2008

Alles umsonst? Holger Jung plädiert für Paid Content

Die allgemeine Meinung zum Thema "Paid Content / Paid Services" im Bereich der Publikums- und Special Interest-Medien steht fest: Inhalte lassen sich im Internet nicht verkaufen. Ausnahmen (wie z.B. Parship oder das Ahnenforschnungsnetzwerk Ancestry) bestätigen lediglich diese Regel. Erfolg hat, wer seine bezahlten Bereiche öffnet, um via Werbung durch erhöhten Traffic mehr zu verdienen (Beispiel New York Times, siehe dazu meinen Blogbeitrag vom 10.08.2007).

Das Bezahl-Thema erhält nun Schützenhilfe von ganz unerwartete Seite: Holger Jung, Gründer und Vorstand der Hamburger Kreativagentur Jung von Matt und einer der profiliertesten Köpfe der Werbeszene, bricht in einem Interview mit Spiegel Online eine Lanze für Bezahlmodelle. Auf die Frage "Ausgerechnet jetzt in Krisenzeiten sollen die Nutzer mehr zahlen für Online-Inhalte? Das dürfte nicht funktionieren " antwortet Jung ganz Erstaunliches: "Natürlich gibt es im Internet eine Gratiskultur. Die ist über Jahre gewachsen und lässt sich nicht von heute auf morgen abschalten. Das ändert aber nichts daran, dass wir mehr Bezahlangebote im Netz brauchen, damit dort mehr Geld verdient wird - auch mit Blick auf eine zukünftige Medienlandschaft, die vorwiegend im Web liegt. In anderen Online-Branchen funktioniert die Kostenpflicht schließlich auch. Die Kunden zahlen beispielsweise für Handy-Klingeltöne. Warum soll man das nicht auf Medienangebote übertragen? Die aktuelle Krise könnte den Leidensdruck schaffen, um den Prozess hin zu mehr kostenpflichtigen Angeboten zu forcieren."

Jung macht sich sorgen um die Medien, denn er stellt fest, was inzwischen als allgemein akzeptierte Tatsache gilt: "Im Internet wird mit Werbung zu wenig Geld verdient." Seine Begründung ist jedoch ganz unerwartet. "Weil die Leser nicht für die Nutzung von Online-Angeboten zahlen, fallen die Anzeigenpreise entsprechend gering aus. Die Margen im Web sind extrem niedrig. Deswegen wird Online zwar wachsen, aber die Einnahmen aus dem Print kann das Medium auf absehbare Zeit nicht ersetzen. Da muss ein Umdenken stattfinden."

Die Argumentation ist bisher stets andersherum gelaufen: Weil bezahlte Angebote zu wenig Nutzer hatten, wurden zu wenig Werbeeinnahmen erzielt. Jung hingegen argumentiert mit der Wertigkeit: Nur was bezahlt wird, hat auch Wert. Mag das auch im Lichte der bisherigen Entwicklung, die eben Spiegel Online mit seinem von Beginn an kostenlosen Angebot recht gibt, etwas blauäugig sein - so hat Holger Jung doch in einem Recht: Nur mit freien Angeboten wird eine Medienlandschaft wie die heutige - von der Tageszeitung bis hin zur Rockband - nicht finanzierbar sein. Letztlich werden die Nutzer entscheiden, ob und in welcher Höhe sie bereit sind, für Medienangebote zu zahlen, um so eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten.

1 Kommentar:

JoachimGraf hat gesagt…

Bei der Frage, ob Paid Content ein Businessmodell ist oder nicht muss man die Art des Contents unterscheiden - und das Marktsegment. In der Plumpheit ("ist tot") ist die Aussage sicher falsch. So zum Beispiel im B2B-Segment: Wir auf www.iBusiness.de leben zum Beispiel seit mehr als einem Jahrzehnt von Paid Content ...

Tatsächlich muss man zwischen den Inhalten und den Inhaltsservices unterscheiden. Aber das ist ein längeres Thema...