Donnerstag, 3. Juli 2008

Rückblick Fachkonferenz Verlag 3.0: Verlage auf dem Weg ins digitale Zeitalter

Verlage werden zu multimedialen Contentprovidern, die sich zudem intensiv mit ihren Kunden vernetzen: Diese Erkenntnis zog sich wie ein roter Faden durch durch die Fachkonferenz "Verlag 3.0 - Vom Content- zum Community-Publisher", die wir am 30. Juni 2008 zusammen mit der Akademie des Deutschen Buchhandels veranstaltet haben.

Schon der Auftaktvortrag von Prof. Thomas Schildhauer, dem Wissenschaftlichen Direktor des Institute of Electronic Business in Berlin, zeigte, wie stark die Digitalisierung die Verlage betrifft. Prof. Schildhauer zeigte dies vor allem an Beispiele zu den neuen Möglichkeiten des "mobile Publishing": Zukünftig werden mit dem intelligenten Handy Informationen kontextbasiert rund um die Uhr und überall abgerufen. Klassische Verlagsmarken wie Zeitschriften oder Buchreihen lösen sich von ihrem Trägermedium und werden multimedial.

Wie ein Verlag diesen komplexen Wandlungsprozess bewältigen kann, zeigte Martin Korosec, Geschäftsführer des Europa-Fachpresse-Verlages, deren Flaggschiff, die Fachzeitschrift Werben & Verkaufen, konsequent als Dachmarke für sämtliche Aktivitäten ausgebaut wird: Nicht nur die Produktstrategie, sondern auch die interne Organisation wird in den Umbau einbezogen.

Die Rolle und vor allem das Selbstverständnis von Verlagen wird sich ändern müssen. Das wurde deutlich in einer Podiumsdiskussion unter Leitung von Buchreport-Chefredakteur Dr. Thomas Wilking. Robert Franken, Vorstand der Elterncommunity Urbia.de, erläuterte anschaulich, wie viel Wissen und Durchhaltevermögen es brauchte, um Urbia.de zur größten und seit vier Jahren auch profitablen Community aufzubauen, die jetzt 15.000 neue Einträge pro Tag erhält. Wilking bezeichnete Communities in diesem Zusammenhang zurecht als "Selbsthilfegruppen", ein Selbstverständnis, das ganz im Gegensatz zur verlegerischen Arbeitsweise steht.

Dass auch Verlage in diesem Geschäft erfolgreich sein können, wurde deutlich am Beispiel von Sekretaria.de, der führenden Community für Sekretärinnen. Mirza Hayit, Geschäftsführer vom WRS Verlag und Gesamtvertriebsleiter der Haufe, konnte durch diese Community nicht nur neues Wachstum generieren, sondern eine Kundenvernetzung, die auf klassischen Marketingwegen nicht möglich wäre. Die Community lebt dabei nicht nur Werbeerlösen, sondern auch von kostenpflichten Zugriffen auf Premiuminhalte.

Michael Munz, Michael Munz, Director im Holtzbrinck eLAB, erläuterte, wie einer der größten Verlagsgruppen den Innovationsprozess angeht: Mit insgesamt fünf unterschiedlichen Unternehmen versucht die Holtzbrinck-Gruppe, keinen aktuellen Trend und keine neue Geschäftsidee im Internet zu verpassen. Dabei stehen keinesfalls originär verlegerische Ansätze im Vordergrund, sondern sämtliche internetbasierten konzepte werden geprüft. Das eLab ist ein Labor, in dem Ideen geboren bzw. bestehende Ideen geprüft und dann bis zur Marktreife entwickelt werden. Ein Ansatz, der in dieser Dimension sicher nur von einem Verlagskonzern durchgeführt werden kann, aber dennoch auch kleinere Verlage mit der Frage konfrontiert, wie sie ihr Innovationsmanagement organisieren.

Dass die digitale Revolution auch belletristische Verlage betrifft, wurde deutlich in Vortrag von Dr. Dirk Moldenhauer, Geschäftsführer von iRead Media: Die Integration der Leser geht heute heute schon bis hin zur Produkterstellung. Immer Plattformen und Verlagswebsites laden Leser zum Mitmachen ein: Von der Kundenrezension über die Titel- und Coverabstimmungen bis hin zur Mitarbeit bei Buchprojekten reicht das Angebot. Doch auch hier müssen Verlage neues Denken lernen: Klassische Marketingbudgets müssen in den Onlinebereich verlagert werden, genau wie personelle Kapazitäten. Aber welcher Verleger verzichtet schon gerne auf die liebgewonnenen Inserate, auf die gewohnte opulente Vorschau?

Nicht nur für Verleger, auch für ihre Dienstleister ist es noch ein weiter Weg in das neue Zeitalter. Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema "Kundenbeziehungen 2.0" wurde deutlich, wie konventionell selbst führende Anbieter von Softwarelösungen noch denken. Nach dem Motto "Was unsere Kunden nicht nachfragen, können wir auch nicht anbieten" wurde ein wenig innovatives Bild von der Verlagsbranche gezeichnet: Alle reden von der neuen Dimension der Kundenbeziehung, doch in den meisten Verlagen sind die elementaren Voraussetzungen nicht erfüllt bzw. erst in der Umsetzung. Dr. Thomas Lindner, Mitglied der Geschäftsleitung der CAS Software, brachte es so auf den Punkt: Von ihren 2.500 mittelständischen Kunden, die meisten nicht nur aus der Verlagsbranche, beschäftigen sich maximal 25 mit der Integration von on- und offline Kundendatenmanagement.

Mir wurde auf dieser Fachkonferenz erneut klar, wie stark der Handlungsdruck auf die Verlage mittlerweile ist - und in welch parallen Welten die Debatten stattfinden: Die Visionen werden klarer, die Umsetzungs- und Finanzierungsfragen aber sind in vielen Verlagen noch immer unbefriedigend beantwortet.

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