Donnerstag, 31. Juli 2008

Effizienzkiller in Verlagen: Workflow-Optimierung ist Einstellungssache

Zum Thema Workflow-Optimierung habe ich ein weiteres Interview mit einem der Referenten des nächsten CrossMediaForums geführt: Carsten Oberscheid, Geschäftsführer von doctronic, erläutert anschaulich, warum viele Verlage trotz großer Anstrengungen und jahrelanger Investitionen keine effizienten Workflows erreichen. Sein Rat: Auf Basis einer Kostenanalyse praktikable Pläne erstellen und mit vielen kleinen Schritten umsetzen.

Beim 10. CrossMediaForum werden Sie sich in einem Vortrag mit Workflows in Verlagen beschäftigen. Sie haben Ihren Vortrag provokant betitelt: "Die wirksamsten Effizienzkiller für Ihren Content Workflow – Erfahrungen eines EP-Dienstleisters". Welche Effizienzkiller leisten sich Verlage?

Effizienzkiller finden Sie auf allen Ebenen der Verlagsherstellung. Einige Beispiele:
  • Technik: Der Einsatz untereinander inkompatibler Technologien für die verschiedenen Verwer-tungskanäle von Inhalten kostet nicht nur Zeit und Geld, sondern kann auch erhebliche Qualitätsprobleme verursachen.
  • Organisation: Zeitraubende Prozesse, z.B. Übergabe von Publikationsdaten zur Produktion elektronischer Produkte erst nach Imprimatur des Printwerks, können wesentliche Vorteile eines Publikationskanals komplett auslöschen.
  • Kommunikation: Gegen mangelnde Abstimmung der beteiligten Parteien untereinander, nicht selten sogar eine mangelnde Bereitschaft zur Abstimmung, kann die beste Technik nichts ausrichten. Das betrifft nicht nur die Techniker (Verlagsherstellung, EP-Abteilung, Satz- und EP-Dienstleister), sondern auch die für Inhalte und Produkte Verantwortlichen (Verlag, Redaktion bis hin zu den Autoren).
Warum leisten sich Verlage solche ineffizienten Produktionsworkflows?

Da gibt es viele Gründe. Erstaunlich oft fehlt es tatsächlich auch heute noch am Problembewusstsein. Ist Problembewusstsein vorhanden, kommen häufig Ratlosigkeit oder schlicht Angst und Unsicherheit zum Tragen. Doch auch althergebrachte Strukturen und innenpolitische Reibereien im Verlag erleben wir immer wieder als Kostentreiber in Projekten. Meist kommen mehrere Ursachen zusammen, und selten kann man einen Verlag über einen Kamm scheren. Dass aber einzelne Mitarbeiter oder auch Abteilungen guten Willens sind, reicht leider nicht.

Sind die ineffizienten Workflows nur eine Frage von Geld und Technik, oder ist das Ihrer Meinung nach auch eine Frage von fehlender Strategie und traditionellem Denken?

Auf jeden Fall letzteres. Manche Verlage stecken über Jahre hinweg Unsummen in die Anschaffung teurer Systeme und kommen mit ihrem Content Management doch auf keinen grünen Zweig, weil kein praktikabler Plan existiert. Umgekehrt gibt es Unternehmen, die mit einfachen technischen Mitteln und vergleichsweise geringem finanziellem Aufwand sehr effiziente Produktionsprozesse realisieren. Das hat ausschließlich mit dem Kopf - oder besser: mit den Köpfen - zu tun. Geld und Technik allein helfen überhaupt nicht, im Gegenteil, wer glaubt, es allein damit richten zu können, verliert.

Was müssen Verlage tun, um diese "Killer" zu identifizieren?

Es gibt kein Universalrezept. Die Schlagworte "Single Source Publishing" und "medienneutrale Daten-haltung" sind leicht gesagt. Vor allem letzteres finde ich mit Blick auf alltagstaugliche Verlagsprozesse aber eher irreführend. Jeder Verlag muss individuell entscheiden, was er tun will, welche Bedeutung er welchem Medium beimisst und wie er arbeiten möchte. Darauf sollten dann die Prozesse ausgerichtet werden.

Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, daß viele kleine Schritte besser sind als ein großer. Verlagsprozesse sind viel zu komplex, sind viel zu tief in der Kulturtechnik "Buch" verwurzelt, als dass man sie in einem Streich völlig umkrempeln könnte. Ich habe noch keinen solchen Versuch erlebt, der gelungen wäre, und ich würde mich als Berater auch nicht trauen, so etwas zu versuchen.

Im Allgemeinen ist das auch gar nicht notwendig. So lange mit Printprodukten das meiste Geld verdient wird, soll sich die daraus ergebende Priorität vernünftigerweise auch in den Produktionswork-flows widerspiegeln. Eine Optimierung mit Blick auf eine effiziente Mehrfachverwertung schließt dies aber nicht aus. Im Gegenteil, gerade weil die Erträge der elektronischen Medien heute noch hinter denen der Printprodukte zurückstehen, sollte die Motivation zu einer kostengünstigen Produktion besonders groß sein - natürlich ohne die Chancen dieser Vertriebskanäle schon im Ansatz zu verspielen. Nur so kann der vielbeschworene Wandel im Verlagsgeschäft produktionsseitig bewältigt werden.

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