Freitag, 20. Juni 2008

AKEP-Jahrestagung: Wohin geht die Reise?

Die AKEP-Jahrestagung gab einen guten Einblick in die Situation von Verlagen. Wie zu erwarten (siehe meinen Vorbericht) gibt es in den Verlagen nicht nur ein wachsendes Bewusstsein für den digitalen Wandel, sondern auch eine wachsende Zahl von Projekten. Die meisten Verlage befinden sich noch in einer Experimentierphase, da das Kerngeschäft nach wie vor klassische Printprodukte sind.

Auf der Tagung schwirrten viele Begriffe durch die Luft. Gleich die Auftaktveranstaltung versuchte eine Tour D'Horizon durch die aktuelle Onlineszene. Statt des angekündigten COO von StudiVZ wurde die Jahrestagung vom Marketingberater Michael Steinau eröffnet, der dem staunenden Publikum erklärte, dass Communties sich nicht rechnen. Zum Glück konnte Klemens Polatschek, GF der Collective Intelligence GmbH und Mitjuror beim AKEP Award, als Mitdiskutant eine fundiertere und differenziertere Sicht der Dinge einbringen. Die Diskussion määnderte zwischen allen Themen hin und her - von Paid Content über Werbefinanzierung bis hin zu Marketingsites. Immerhin: Dies spiegelt nach meiner Erfahrung sehr gut den Stand der Dinge in den Köpfen so mancher Führungskraft wider. Gerade deswegen hätte ich mir aber mehr Einordnung, Übersicht und Praxiswissen gewünscht.

Viele Ideen, aber oft keine klare Richtung

Die Workshops am Nachmittag gaben Gelegenheit, Themen zu vertiefen. Die Gruppe "Neue Geschäftsmodelle" war, wie zu vermuten, die bestbesuchte. Die Mehrheit der Teilnehmer stammte (wie ich) nicht aus Verlagen, sondern von Dienstleistern. Unter der Leitung von Dr. Tilmann Michaletz (Cornelsen) wurde anhand einer von ihm eingebrachten Wertschöpfungskette über neue Geschäftsideen diskutiert. Das Problem - nicht dieses Workshops, sondern der Verlagsbranche - ist jedoch: Weder gibt es in den meisten Verlagen eine dokumentierte Wertschöpfungskette (und darauf aufbauende Analysen), noch existieren brauchbare Definitionen der Begriffe "Geschäftsmodelle" oder "Erlösmodelle", weshalb oft von "neuen" Geschäftsmodellen gesprochen, wahrscheinlich aber nur neue Erlösmodelle gemeint sind. Hier ist noch viel zu tun... Die Diskussion zeigte viele Ansätze, aber auch die Verunsicherung, die Suche. Bei der Frage, wer denn schon Web 2.0-Modelle umgesetzt habe, gingen nur wenige Finger nach oben.

Geld verdienen mit Paid Content

Sehr interessant war die zwar nicht so gut besuchte, inhaltlich aber anregende Diskussion am Donnerstagmorgen. Vor allem die Vorstellung der Website Ancestry.de versetzte doch so manchen Zuhörer in Staunen: Auf dieser Website betreiben Menschen Ahnenforschung. Dieses Angebot zeigt, was viele Verlage nicht mehr für möglich halten: Mit kostenpflichtigen Inhalten kann auch außerhalb der Fachverlagswelt Geld verdient werden. Bei Ancestry.de entsteht aus monatlichen Gebühren zwischen 9,95 und 25,59 EUR ein Jahresumsatz von 150 Mio. EUR. Ancestry investiert dabei neben der Technik vor allem in die Erfassung von Daten aus Archiven. Aus der mittlerweile knapp 600 Mio. Datensätze umfassenden Namensbasis werden den Nutzern, die einen Stammbaum anlegen, Verweise auf bereits erfasste Namen gegeben. Nikolai Donitzky von Ancestry berichtete, dass sie zu Beginn die Verlage nach Daten gefragt hätten, in Deutschland diese aber nicht bekommen haben - deutsche Verlage wollten lieber alles selbst auswerten. So hat Ancestry angefangen, Verträge direkt mit Archiven und Bibliotheken abzuschließen, um deren Daten zu digitalisieren...

Auch das zweite Fallbeispiel an diesem Morgen war interessant: Denn mit Netzeitung und Berlin online wurden hier vom Chefredakteur Dr. Robert Daubner zwei reine Onlinemedien vorgestellt, deren Finanzierung ausschließlich über Werbung läuft und die in einem großen Wettbewerb steht. Kernaussage: Nur mit sehr lokalen Inhalten können sie sich noch differenzieren.

AKEP: Quo vadis?

Die Zeiten sind gut für den AKEP, denn der Wandlungsprozess beschleunigt sich und es gibt einen entsprechend großen Wissensbedarf bei den Verlagen. Hans Huck-Blänsdorf, Geschäftsführer der Brockhaus Duden Neue Medien GmbH, der neue AKEP-Vorsitzende, könnte, wie sein Workshop zeigte, einen Schwerpunkt bei den internen Themen legen. Das wäre sehr zu begrüßen: Neben der Frage "Wie können wir auch zukünftig für unsere Kunden unverzichtbar bleiben?" gewinnt die Frage nach dem "Wie können wir das tun?" immer mehr an Gewicht. Selbst bei jenen Verlagen, die schon tolle Projekte umsetzen, gibt es in der Um- und Neuorganisation, aber auch in der Denkhaltung noch viel zu tun.

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