Dienstag, 22. April 2008

"Branchenmarketing": Auch der neue Anlauf ist zweifelhaft

Angestoßen durch Rainer Groothuis, Chef einer bekannten Hamburger Designagentur, diskutiert die Buchbranche erneut über ein Thema, mit dem sie schon vor einigen Jahren Schiffbruch erlitten hat. Es geht um einen neuen Anlauf für ein Branchenmarketing, oder genauer, um "Buchmarketing", wie Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, präzisiert. Skipis Argumente für diesen neuen Vorstoß: "Das Buch hat ein immenses Kultur- und Bildungspotential. Es ist ein Medium, das für Vertiefung und für Begreifen steht."

Mit diesen Argumenten befindet sich die Buchbranche ziemlich genau auf den gleichen gedanklichen Wegen wie die Zeitungsindustrie. Diese plant, weil die Tageszeitungen immer mehr junge Leser verlieren (oder nicht gewinnen), ebenfalls eine Imagekampagne; ebenfalls weniger fürs "Lesen" als für das gedruckte Medium.

Die Sinnhaftigkeit eines solchen Vorhabens leuchtet Spiegel Online unter der passenden Überschrift "Wie Deutschlands Jugend dummgeredet wird" aus: "Eine 'Nationale Initiative Vinylplatte' gibt es bislang nicht. Auch keine 'Nationale Initiative VHS-Kassette' und kein 'Bundesweites Bündnis für den Erhalt der Dreieinhalb-Zoll-Diskette'. Der einzige Datenträger, der hierzulande als ausreichend kulturell wertvoll betrachtet wird, um eine durch die Bundesregierung unterstützte 'Nationale Initiative' zu verdienen, ist das Papier. Dem gilt es zu helfen, im Kampf um die verdummende, desinteressierte, apolitische Jugend von heute. " Der Artikel argumentiert messerscharf: Durch das Internet wird die Lesefähigkeit nicht minimiert, sondern gefördert. Auf Basis von Zahlen zu Internetnutzung und Lesefähigkeit wird gezigt: je weniger gebildet, je weniger Internetnutzung. Das schlichte Fazit: "Es gibt in Deutschland also kein Papier-, sondern, wenn überhaupt, ein Bildungsproblem."

Polemisch fragen die Autoren abschließend: "Der Kampf gegen die Veränderung, den die an den Hebeln sitzende Klasse dieses Landes im Moment mit vereinten Kräften zu führen scheint, sieht von außen verdächtig nach einem Kampf gegen jene aus, für die das Netz zum Alltag gehört. Wie nur sollen sich die Jungen von einer Politik und einer Presse vertreten fühlen, die sie immer wieder für lesefaul und desinteressiert erklärt? Und das auch noch unter Zuhilfenahme von offensichtlich falschen Argumenten?"

Dem ist eigentlich auch in Bezug auf die Buchbranche nichts mehr hinzuzufügen. Nur noch dieses: Selbst traditionelle Buchverlage wandeln sich immer mehr in mehrmediale Contentprovider, auch wenn dieser Begriff in Feuilletonredaktionen geächtet wird: Kinderbuchverlage z. B. bewegen sich vermehrt in einer multimedialen Welt - von Audio, über Video bis hin zum Internet. Von Fach- und Special-Interest-Verlagen gar nicht erst zu reden. Warum sollten die Mitglieder des Börsenvereins eine Kampagne mittragen (und vor allem mitfinanzieren!), die eines ihrer Medien gegenüber anderen hervorhebt?

Und schließlich noch dieses: Die Debatte kommt zu einer Zeit, da die Trägermediendiskussion an Spannung verloren hat. Aus einer Konkurrenz- ist eine Konvergenzsicht geworden. Der einmalige Nutzen des "Buches" tritt um so deutlicher hervor, je mehr andere Medien es gibt. Das merken sogar die Kunden...

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