Mittwoch, 13. Februar 2008

Reaktionen auf den Brockhaus-Strategiewechsel und ein paar Fragen zu Wikipedia

Der Abschied von der gedruckten Enzyklopädie, den Brockhaus diese Woche verkündet hat, fand eine breite Resonanz im Internet hier einige markante Statements.

Das Börsenblatt führte gleich ein Interview mit den Verantwortlichen. Marion Winkenbach, Vorstand von B. I. & F. A. Brockhaus, zu den Ursachen der Entscheidung: "Der Markt für klassisches Nachschlagen ist nicht am Ende. Aber er ist in der Tat vor allem für allgemeine Lexika schwieriger geworden. Hauptursache ist das veränderte Mediennutzungsverhalten - immer mehr Menschen wählen für die Informationssuche bevorzugt Angebote aus dem Internet. Dieser Trend hat sich schneller verstärkt, als wir es erwartet hatten. Dies zeigt sich an der 21. Auflage der Brockhaus Enzyklopädie, die wir vor rund zweieinhalb Jahren neu aufgelegt haben und die unsere Erwartungen nicht zufriedenstellend erfüllt hat. Auch die aktuelle Künstlerausgabe der Enzyklopädie, gestaltet durch Armin Mueller-Stahl, und das Kooperationsprojekt mit der »Welt« sind hinter unseren Erwartungen zurückgeblieben." Auf die Frage nach der Konkurrenz für das neue neue Brockhaus-Portal durch Wikipedia stellt sie fest: "Diese beiden Angebote sind bei näherer Betrachtung so unterschiedlich, dass ein Vergleich aus unserer Sicht gar keinen Sinn macht." Theoretisch mag das stimmen, aber aus Sicht vieler Kunden stehen diese beiden Angebote in direkter Konkurrenz.

So sieht das auch Thomas Wilking, Chefredakteur des Buchreport, der in einem Kommentar (leider nur in der gedruckten Ausgabe) viele richtige Fragen stellt: "Wie viel ist die große, alte Marke im Online-Geschäft wert? Wie kann sich im Printmonopol gewachsene Enzyklopädie auf dem glatten Online-Parkett im direkten Wettbewerb mit dem Faszinosum Wikipedia einerseits und dem soeben gestarteten, wie Brockhaus verlagsgeprüften Spiegel-Wissen-Portal andererseits behaupten? Wie verträgt sich der hehre Markenanspruch ('Relevanz, Richtigkeit und Sicherheit') mit den Werbebannern?"

Die Financial Times Deutschland liefert einen ausführlichen Hintergrundbericht und stellt abschließend fest: "Brockhaus hingegen setzt alles auf eine Karte. Doch die Onlineredaktion in Leipzig wird schnell reagieren müssen, wenn sie mit der Konkurrenz mithalten will. Am Dienstag gab Wikipedia wieder mal den Takt vor: Schon wenige Stunden nach Bekanntwerden der Brockhaus-Pläne wurde der Wikipedia-Eintrag zur Brockhaus Enzyklopädie um einen Absatz ergänzt: 'Einstellung der gedruckten Ausgabe und Umstellung auf Onlinelexikon.'"

Die Tageszeitung Die Welt thematisiert in einem ausführlichen Bericht das Ende der gedruckten Nachschlagewerke: "Die Ära der gedruckten Universallexika ist dem Ende nahe. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis andere nachziehen. Je schneller sich das Online-Angebot der Mannheimer Verlagsgruppe durchsetzt, desto rascher dürften weitere Lexikonanbieter unter Zugzwang geraten und ihr Leitmedium überdenken. Mit dem Ergebnis, dass die Zukunft des Wissens nach der Initialzündung durch Brockhaus unabwendbar im Internet stattfinden wird." Interessanterweise wird am Ende des Artikels das 21-bändige Welt-Lexikon (von Brockhaus) beworben...

René Kohl, Inhaber von Kohlibri, gibt in einem Kommentar auf Börsenblatt.net gedruckten Lexika noch eine Chance: "Vielleicht will das Publikum des Jahres 2008 auch etwas weniger Lederrücken und Goldschnitt, dafür etwas größere Bilder, farbige Grafiken, Abwechslung, natürlich auch digitale Bilder und Töne und ruhig, warum denn nicht, auch in gedruckter Ausgabe etwas tagesaktueller und medienrelevanter. Wir wünschen uns ein weiteres Enzyklopädie-Projekt; weniger Bände, vielleicht mehr themen, weniger teuer, dafür herstellerisch/gestalterisch/optisch ebenso auf der Höhe der Zeit, wie es dank redaktioneller Hochleistung (und Online-Update-Garantie) inhaltlich schon war.
Wir geben die gedruckte Brockhaus Enzyklopädie noch nicht verloren!"

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales hatte die aktuelle Entwicklung schon vor Jahren klar prognostiziert. 2004 sagte er in einem Interview mit dem Interndienst Golem: "Ich denke, das Geschäftsmodell proprietärer Enzyklopädien ist dem Untergang geweiht. Bereits in einem Jahr wird es schwer sein, noch einen Mehrwert in proprietären Enzyklopädien zu sehen. Heute sind sie uns noch in einigen Punkten überlegen, aber wir holen auf. Und anders als im Software-Bereich gibt es keine Netzwerk-Externalitäten und nicht dieses Phänomen des technischen Lock-In. Für jemanden, der Windows benutzt, ist es schwer, auf Linux umzusteigen, da auch alle anderen Windows benutzen und es gibt diese ganzen Kompatibilitätsprobleme in Bezug auf die Dateiformate. Auch wenn Linux schon sehr weit gekommen ist, ist es immer schwierig, sich an ein neues System zu gewöhnen. Bei Wikipedia muss man aber nichts neu lernen, es gibt kein neues System. Man klickt auf einen Artikel in Wikipedia und liest ihn statt zunächst irgendwo 1.200 US-Dollar auszugeben, um eine Enzyklopädie zu kaufen. Daher werden wir das Geschäft mit Enzyklopädien umkrempeln und die kommerziellen Modelle untergraben."

Die Voraussage ist eingetroffen. Vielleicht sollte jetzt Wikipedia selbst mehr in den Fokus der Diskussion treten, denn das Thema Qualität und Sicherheit von Informationen verliert nicht an Relevanz. Die Fragen sind so alt wie Wikipedia, bekommen aber immer mehr Relevanz: Wer ist dort für was verantwortlich? Wer verfolgt welche Interessen? Ein transparentes Peer-Reviewing findet kaum statt, immer mehr Menschen verlassen sich auf eine Quelle, deren Qualität sie nicht beurteilen können. Die Neuorganisation von Wissensvermittlung, Wissensorganisation und Wissenssicherung hat gerade erst begonnen. Die Weisheit der Vielen ist eine mehr als spannende Entwicklung, aber jahrhundertlang entwickelte Instrumente der Wissensverbreitung sollten deshalb weiterhin verwendet und in ihrem Wert geschätzt werden.

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