Dienstag, 23. Oktober 2007

Paid Content, Radiohead und die Zukunft bezahlter Inhalte

Was haben der vdz mit der Rockband Radiohead zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel. Auf den zweiten Blick beschäftigen sich die Musiker und die Verlergerverband mit dem gleichen Thema - mit der Zukunft von Content-basierten Geschäftsmodellen.

Der vdz hat, nach vier Jahren, sich wieder mit dem Dauerthema der Bezahlinhalte befasst. Waren die Zeitschriftenverleger 2003 noch optimistisch, über das Internet Inhalte verkaufen zu können, fällt die Bilanz diesmal auf Basis der neuen Studie "Geschäftsfeld Internet bei Verlagen" (gemeinsam mit KPMG und der LMU) sehr verhalten aus. Alexander von Reibnitz, Geschäftsführer Digitale Medien und Neue Geschäftsfelder beim VDZ, dazu in text intern: "Neben Werbung wird von allen Verlagen die Abo-Gewinnung übers Internet und als dritte Umsatzquelle Paid Content genannt. Das Angebot an Bezahlinhalten wurde vor allem in den Jahren 2001-2003 ausgebaut, weil die Refinanzierung der Webaktivitäten nur über Online-Werbung seinerzeit nicht möglich erschien. Seither bieten mehr als die Hälfte der Verlage Paid Content an, weitere 20 Prozent planen, dies noch in die Zukunft auszubauen. Doch trotz des großen Angebotes fällt die Marktpotenzialeinschätzung für Paid Content niedrig aus - fast die Hälfte der Verlagshäuser stuft sie als eher gering ein: der Mittelwert liegt hier bei 2,8 Prozent auf der Skala von 1 (gering) bis 5 (hoch). Paid Content nimmt damit einen der letzten Plätze ein. Zum Vergleich: Online-Werbung rangiert auf Platz 1 mit einem Skalenwert von 3,6, gefolgt von der Abo-Gewinnung auf Platz 2 bei 3,4. Lediglich Fachverlage haben aufgrund ihrer besonderen Inhalte und ihrer Geschäftskunden eine etwas positivere Einschätzung zur Erlössituation im Bereich Paid Content... Fazit: Paid Content bleibt zwar als Nebengeschäft erhalten, aber die Bedeutung wird in Zukunft auch in Deutschland weiter zurückgehen, solange die Opportunitätserlöse durch Online-Werbung höher sind."

Diese Überlegungen führen momentan zu einem Rückzug aus Bezahlinhalten bei Pubikums- und sogar Fachmedien (siehe dazu meine Blogeinträge zu Wallstreet Online und Elsevier).

Was hat das mit Radiohead zu tun? Ganz einfach. Diese Band veröffentlicht ihr neues Album "In Rainbows" umsonst im Internet und bittet die Nutzer, einen Beitrag nach eigenem Gusto zu spenden - es kann also auch umsonst downgeloaded werden (siehe dazu die Anleitung auf myDealZ). Dieses Geschäftsmodell, ursprünglich entwickelt im Sharewarebereich, wurde in der Verlagsbranche schon einmal vom Krimistar Stephan King erprobt (mit einem Kapitel aus seinem Buch
The Plant) - mit Radiohead setzt nun eine Spitzenband neue Zeichen. Der Wired-Blogger Eliot Van Buskirk schätzt, dass in der ersten Woche nach Erscheinen bis zu 1,2 Millionen Alben downgeloaded worden sind, bei einer Zahlung zwischen sechs und acht Dollar (über Bittorent wurden im Vergleichszeitraum auch 500.000 Alben getauscht).

Die Musikseite Tonspion nimmt dieses Ereignis zum Anlass, um über der Unterschrift "Radiohead war nur der Anfang" eine Reihe weiterer Bands zu berichten, die diesem Geschäftsmodell folgen wollen.

Hat Paid Content also als eine Art freiwilliger Anerkennung künstlerischer Leistung eine Chance? Betrifft die Zahlungbereitschaft dann nur noch Kunst, nicht mehr journalistisches Handwerk, das im Internet offensichtlich von Werbung besser als von Kleinzahlungen leben kann? Welche Verlage, welche "Werke" können zu Freunden ihrer Nutzer werden, um freiwillige Beiträge zu generieren? Fragen über Fragen, die heute in der Verlagsbranche wohl nur Staunen auslösen...

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