Freitag, 26. Januar 2007

Wissenschaftliches Publizieren: Werden Verlage Dienstleister?

Die klassischen Geschäftsmodelle im Bereich des wissenschaftlichen Publizierens werden sich verändern. Auf der diesjährigen APE-Tagung 2007 (Academic Publishing in Europe) war allen Teilnehmern klar, dass die Veränderungen in der Erzeugung von wissenschaftlichem Wissen neue Abrechnungs- und Geschäftsmodelle hervorbringen werden:
  • Open Access-Verlage wie das britische BioMed Central lassen Autoren für die Veröffentlichung zahlen. Die dabei generierten Umsätze sind durchweg geringer als beim klassischen Abonnementsmodell, erläuterte Verleger Dr. Matthew Cockerill. Da die Veröffentlichung kostenlos zugänglich ist, findet dieses Modell immer mehr Akzeptanz. So wird das Forschungszentrum CERN ganz auf das Open Access Modell umstellen.
  • Institutionen bauen eigene Content-Infrastrukturen auf, um ihren Mitarbeitern die Veröffentlichung von wissenschaftlichen Informationen zu ermöglichen. Dr. Laurent Romary, Leiter der digitalen Bibliothek beim Max Planck Institut, stellte das Projekt Digitale Bibliothek vor, das im Rhamen der e-Science-Initiative des BMBF erstellt wird, vor. Das Institut wird dabei mit Hilfe von Steuermitteln eine eigene Archivierungs- und Publikationsinfrastruktur aufbauen. Richtlinie ist dabei das „Open Access“-Konzept, d.h. alle Inhalte werden frei zugänglich gemacht. Romary stellte jedoch auch klar, das es zukünftig keine Kernaufgabe von sein Institut sein werde, diese Content-Infrastruktur vor allem im Hinblick auf die Publikationsaufgaben zu betreiben. Er sieht hier eine zukünftige Aufgabe für Verlage, diese Dienstleistung anzubieten.
  • Selbstorganisierte Netzwerke verändern die Publikationslandschaft. Nicht mehr einzelne Artikel oder Bücher werden darin publiziert, sondern es entsteht ein kollektives Wissensnetz nach Vorbild der Wikipedia. Dr. Barend Mons, Professor und Inhaber der Firma KNEWCO, stellte ein erfolgreiches Wiki zum Thema Biomedizin vor. Seine These: Die Zahl der Publikationen ist zu groß, um noch effizient von Wissenschaftlern verarbeitet zu werden. Deshalb muss der Wissensaustausch anders organisiert werden. Als Beispiel für ein solches Projekt nannte Mons auch das Omegawiki-Projekt, ein internationales Wörterbuchprojekt, bei dem die neue und intelligente Wikidata-Technologie eingesetzt wird.
  • Inhalte ohne Aufbereitung verlieren an Wert. Verlage, aber auch Wissenschaftler und Bibliotheken müssen Inhalte anreichern durch Verknüpfungen, Verschlagwortungen und Suchtechnologien, weil nur so die wachsende Informationsflut noch bewältigt werden kann.
  • Entsprechend wird sich auch die Bepreisung von Inhalten ändern – der Trend geht weg von der Bezahlung von Inhalten hin zur Vergütung von Nutzungen und Services. Hans Huck-Blänsdorf, Geschäftsführer von Brockhaus Duden Neue Medien GmbH, sagte während der Tagung, dass für „nackte“ Inhalte immer weniger gezahlt wird – der Kunde erwartet Mehrwert und Service.
Insgesamt zeigte sich, wie massiv der Umbruch im Informations- und Publikationsverhalten in der Wissenschaft sein wird. Zwar wird der klassische Zeitschriftenartikel nicht so schnell an Bedeutung verlieren, weil die Wissenschaftlicher diese Veröffentlichungen für ihre Laufbahnplanung und Reputation benötigen. Aber neue Formen des Wissensaustausches werden hier mehr und mehr substituieren.

Der Dialog zwischen wissenschaftlichen Verlagen, Forschungseinrichtungen und Bibliotheken scheint nach Jahren der harten Auseinandersetzungen wieder konstruktiv zu werden. Allen Beteiligten ist klar, dass nicht Verteilungskämpfe zu schrumpfenden Budgets, sondern neue, kundenorientierte und effiziente Kommunikations-, Publikations- und Dokumentationsmodelle den Weg in die Zukunft weisen.

Eine Tagungsdokumentation erscheint in einem Open Access-Special der Zeitschrift
Information Services and Use. Eine kostenlose Zusammenfassung findet sich auf der Digilibri-Website.

Ausführliche und stets aktuelle Informationen von OA-Befürwortern finden sich auf der Website von Peter Suher (in Englisch).


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