Mittwoch, 15. Juli 2015

Führung in Verlagen - zum Stand der Ermittlungen

Ein Gastbeitrag von Thorsten Schlaak, thorsten.schlaak@hspartner.de  

Thorsten Schlaak
„Mehr Führung, die Herrschaften!“ möchte man Verlagen zurufen, in Anlehnung an das einschlägige Zitat von Oskar Maria Graf, das man auch auf dem Grund der Tassen im Cafe des Münchner Literaturhauses findet. Dann vielleicht doch treffender „Führung, quo vadis?“ Anmerkungen zum Verschwinden der Führungskraft.

„Führung, wo hin gehst Du?“, die Frage stellt sich, wenn man die Diskussionen um die Führung in der Gegenwart und in der Zukunft beobachtet. Eigentlich ist die Frage selbst schon eine Frage der Führung. Die Führungsdiskussion ist ambivalent, aus Mitarbeitersicht werden …
  • … einerseits Eigenverantwortung, Augenhöhe, Entscheidungsfreiheit und Wertschätzung vermisst,
  • … andererseits fehlen Entscheidungsstärke, professionelles und zuverlässiges Management, Führungsstärke.
Die Ambivalenz setzt sich aus der Perspektive der Führenden fort, … 
  • … einerseits wird die steigende Komplexität der anstehenden Aufgaben beklagt, die Kontrolle und damit direkte Steuerung ausschließt. Und darüber hinaus wird die Begrenzung von Ressourcen im Hinblick auf Quantität, Qualität und Zeit beklagt. Komplexität und Knappheit führen zu „alternativlosen Entscheidungen“, die keine Wahl lassen,
  • … andererseits besteht weiterhin der Anspruch, richtungsweisende Entscheidungen zu treffen und damit die Zukunft eines Verlages erfolgsversprechend zu gestalten.
Hinzukommt, dass Führung nicht mehr nur als Funktion in einer organisatorischen Einheit betrachtet werden kann. Zwar ist der Unterschied zwischen Aufbau- und Ablauforganisation in der Organisationsentwicklung hinlänglich bekannt, dennoch hat die Komplexität auch hier zugenommen. Mitarbeiter in Verlagen lassen sich nicht mehr ausschließlich als Teil einer Abteilung verstehen, ihr Alltag wird durch abteilungsübergreifende Prozesse, durch unterschiedliche Rollen in unterschiedlichen Projekten sowie durch Zeitdruck und Ressourcenmangel stärker bestimmt, als durch die Steuerung der vorgesetzten Führungskraft. Die Rollen einzelner Personen sind vielfältig und mit unterschiedlichen Gestaltungs- und Handlungsspielräumen verbunden, die von Stunde zu Stunde, von Meeting zu Meeting innerhalb eines Arbeitstages mehrfach wechseln können. Aus der Projektleiterin für „Digitale Geschäftsentwicklung“, die in der Gesellschaftersitzung über die Fortschritte des Projekts berichtet, wird im nächsten Moment die Lektorin, die sich um den Rückseitentext einer Nachauflage kümmern muss.

Vor diesem Hintergrund muss die Rolle von Führung in Verlagsorganisationen reflektiert und überdacht werden. Dabei kommen neue Aufgaben und alte Aufgaben in neuem Gewand ins Bild. Zentrale Aufgabe von Führung bleibt es, Sicherheit zu schaffen, wo Unsicherheit herrscht. Insofern braucht gute Führung auch in Zukunft Gestaltungsspielraum. Darauf legen beispielsweise agile Vorgehensweisen wie Scrum besonderen Wert. Zunächst einmal erscheint Scrum als Projektmanagementmethode, durch die Führung überflüssig wird. Trotz oder wegen der geforderten Agilität strebt Scrum tatsächlich das Gegenteil an, nämlich die Definition von klaren Führungsrollen. In Scrum werden Führungsaufgaben auf das Team, den Scrum-Master und den Project-Owner verteilt, und darüber hinaus werden eindeutige Verfahrensweisen festgelegt. Damit gewinnt die Aufgabe von Führung, optimale Rahmenbedingungen zu schaffen, an Bedeutung. Rahmenbedingungen, die Mitarbeiter, Kollegen und Dienstleister dabei fördern und unterstützen, für (interne und externe) Kunden optimale Ergebnisse zu liefern.

Die vielfältigen, hier nur angerissenen Dimensionen von Führung in Gegenwart und Zukunft zeigen, dass Führung mehr ist und mehr sein wird, als die Aufgabe von Führungskräften im engeren Sinn. Zwei Hypothesen lassen sich festhalten:
  1. Mehr als in der Vergangenheit gehört Selbstorganisation, wenn man so will Selbstführung, zu einem umfassenden Verständnis von Führung. Damit ist Führung die Aufgabe aller Mitarbeiter im Verlag, Coaching als zentrales, unterstützendes Instrument zur Begleitung von Veränderungen rückt in den Blickpunkt der Arbeit von Führungskräften und Beratern. Darüber hinaus wird die Fähigkeit zur Selbstreflexion zur wichtigsten Metakompetenz für Personen, Gruppen, Teams und ganze Organisationen. In naher Zukunft könnte sich diese Metakompetenz zum zentralen Einstellungskriterium für Verlage entwickeln, denn durch diese Fähigkeit können Voraussetzungen geschaffen werden, um anstehende Veränderungen zu antizipieren und besser zu verarbeiten.
  2. Zweitens: Führungskompetenz der Zukunft ist Kooperationskompetenz, also die Fähigkeit, Zusammenarbeit zu organisieren, voranzutreiben und zu leben. Kooperationskompetenz ist nicht beschränkt auf sogenannte Führungs- und Leitungskräfte, sondern wird von allen Verlagsmitarbeitern verlangt. Dieses auf Zusammenarbeit ausgelegte Verständnis von Führungsaufgaben umfasst Selbstführung, traditionelle Führung in Hierarchien, sogenannte laterale Führung (z.B. in Projektteams oder als Prozessverantwortliche), Führung in internationalen Umfeldern und in virtuellen Teams. Und es bezieht sich auf abteilungsübergreifende Zusammenarbeit, auf die Zusammenarbeit zwischen Dienstleistern und Auftraggebern, und letztlich auch auf die Kooperation zwischen Verlagen und ihren Kunden.
Wer sich für die These, dass Führungskompetenz in der Fähigkeit zur Zusammenarbeit mündet und in diesem Sinne jede Rolle im Verlag als Führungsrolle zu verstehen ist, weiterführender interessiert, dem sei das Buch „Zusammenarbeit – Was unsere Gesellschaft zusammenhält“ von Richard Sennett empfohlen; kein Managementbuch, sondern eine grundlegende Ausarbeitung zum Thema.

Wie sieht die Führungssituation in Ihrem Umfeld aus? – Ein Schnell-Check


Wir haben elf Aussagen zusammengestellt, anhand derer Sie beurteilen können, wie es um Führung in Ihrem Umfeld bestellt ist. Eine Art Führungs-„Selfie“ der Führungsarbeit und der Führungskräfte („Kräfte“ im wörtlichen Sinn, nicht auf Personen bezogen), die in Ihrem Umfeld wirken. Die Aussagen sind vom Ergebnis her konzipiert und können sich auf jede Rolle im Verlag beziehen. Das Verfahren kennen Sie, es besteht aus zwei Schritten: Reflektieren Sie zunächst bitte über Ihre eigene Situation und entscheiden Sie, wie stark Sie den einzelnen Aussagen zustimmen können. In einem zweiten Schritt bewerten Sie das Gesamtergebnis im Hinblick darauf, welche Stärken, Grenzen und Schwächen sie sehen und welche Veränderungen Sie in der Zusammenarbeit mit anderen bewirken wollen. Wir wün-schen in jedem Fall viel Erfolg: 


1.    Ich weiß, was an meinem Arbeitsplatz erwartet wird.
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2.    Ich verfüge über die nötigen Materialien und Arbeitsbedingungen, um meine Arbeit gut und richtig zu machen und um Kundenanforderungen zu erfüllen.
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3.    Ich habe bei der Arbeit jeden Tag die Gelegenheit, das zu tun, was ich am besten kann.
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4.    Ich habe in den letzten sieben Tagen für gute Arbeit Anerkennung und Lob erhalten.
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5.    Meine Vorgesetzte, mein Vorgesetzter oder meine Kollegen bei der Arbeit schätzen mich als Mensch.
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6.    Ich werde in meinem Unternehmen ermutigt, meine Stärken zu entwickeln.
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7.    In meinem Arbeitsumfeld hat meine Meinung Gewicht
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8.    Die Vision und die Unternehmensphilosophie unseres Unternehmens geben mir das Gefühl, dass meine Arbeit wichtig ist.
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9.    Meine Kollegen fühlen sich verpflichtet und verantwortlich, qualitativ hochwertige Arbeit abzuliefern.
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10.  Im letzten halben Jahr hat jemand im Unternehmen mit mir über meine Wirksamkeit und meine Weiterentwicklung gesprochen.
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11.  Ich hatte im letzten Jahr in meinem Unternehmen die Gelegenheit, dazuzulernen und mich weiter zu entwickeln.
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  Schnell-Check: Führung und Zusammenarbeit

Die Veränderung von Zusammenarbeit und Führung erhalten in unserer Beratungsarbeit immer größeres Gewicht. Daher sind wir an einem Dialog zu den Themen Zusammenarbeit und Führung stark interessiert. Falls Sie also Fragen, Anmerkungen oder Kommentare haben, freuen wir uns über Ihre Rückmeldungen.

Zum Autor

Thosrten Schlaak ist seit 2014 assoziierter Partner bei Heinold, Spiller & Partner und hat jahrelang in Führungspositionen bei Verlagen und IT-Unternehmen gearbeitet.

Mittwoch, 3. Juni 2015

Neue Geschäftsmodelle durch neue Suchtechnologien

Neue Suchtechnologien ermöglichen neue Geschäftsmodelle: Inhalte können nach unterschiedlichen Kriterien gefilert und neu zusammengestellt werden. Dabei können auch Benutzer-zentrierte Informationen mit Inhalten verknüpft werden. Wie das funktioniert, erläutert Norbert Weitkämper, Geschäftsführer der Weitkämper Technology GmbH und Referent auf dem nächsten CrossMediaForum, im folgenden Interview.

Dem NoSQL-Ansatz wird nachgesagt, dass er die Suchtechnologie revolutioniert und bekannte Tools wie Lucene überflüssig macht. Stimmt das? 
 
Norbert Weitkämper
Norbert Weitkämper: Datenbank und Text-Suche sind zunächst voneinander unabhängige Technologien. Egal ob SQL oder NoSQL, für die schnelle (Volltext) Suche werden andere Indexstrukturen, Funktionen und Algorithmen als für herkömmliche Datenbankabfragen benötigt. Auch sind die Anforderungen unterschiedlich. In einer herkömmlichen Datenbank sucht man meist nach recht kurzen Strings wie z.B. Datum, Preis oder Namen. Für eine Suche in Text erwarten wir jedoch ein hervorragendes  Ranking und Funktionen wie Phrasensuche, Nahe Operator, Facettennavigation, Linguistik, Thesauri oder Klassifikation. Diese speziellen Techniken sind für eine klassische Datenbank nicht so relevant und daher auch nicht vorgesehen. Viele Datenbankanbieter haben daher für Textsuche zusätzliche Software entwickelt oder eingekauft, die sie explizit für diese Anforderung anbieten, z.B. Oracle Text, SAP TREX oder DB2 Text Search. Auch Amazon hat ja mit A9.com Inc. seine eigene Firma speziell für Suchesoftware.
Dokument-orientierte NoSQL Datenbanken integrieren diese Textsuchefunktionen etwas besser, da Sie generell für Text sehr gut geeignet sind und die Anbieter mehr Augenmerk hierauf legen. Aber bei weitem nicht in dem Maße, wie wir es von professionellen Lösungen gewohnt sind.
Egal ob SQL, NoSQL oder ECM, für eine gute Textsuche braucht man immer eine zusätzliche Komponente. Auch wir kombinieren daher in unserer XSEARCH ePublishing Suite unsere NoSQL Datenbank mit unserer bewährten XSEARCH Retrieval. 


Welche neuen Suchemöglichkeiten und vielleicht sogar Geschäftsmodelle werden durch diesen Ansatz möglich?
Norbert Weitkämper: Die Textsuche unserer Retrieval können wir mit speziellen Suchfunktionen kombinieren, die wiederum eine NoSQL Datenbank besser kann: Suche in allen Zeitungsartikeln nach den Begriffen „Tierschutzverein“ und „Sitzung“ nicht älter als 6 Monate im Umkreis von 20 km meines Heimatortes. Die Textsuche  mit der Textretrieval gemacht, die Zeiteinschränkung könnte man performant auch mit der Datenbank machen, die Abfrage der Geokoordinaten hingegen ist auf jeden Fall mit der NoSQL Datenbank besser.
Für erfolgreiche Geschäftsmodelle im Bereich ePublishing ist die Kombination aus erstklassiger Textsuche und NoSQL Datenbank ideal. Dokumente und Dateien, egal ob XML, PDF, ePub, MP3 oder TIFF, werden zuverlässig in der NoSQL Datenbank verwaltet und organisiert. Aber auch alle Abo- und Preisinformationen, Lizenzmodelle oder das Rechtemanagement werden bei XSEARCH ePS über die Datenbank gehandelt und sind direkt mit den Dokumenten verknüpft. Somit ist es möglich, Angebote anhand von Themen, Metadaten und Zielgruppen immer wieder neu zu kombinieren und Inhalte sehr flexibel zusammenzustellen, zu vermarkten und somit auf verändernde Märkte sehr schnell zu reagieren.
Sehr schön sind auch die Erweiterungsmöglichkeiten, die diese Technologie bietet. Über weitere Module wie Newsletter oder Blog bis hin zu User-Foren können Verlage nicht nur Content, sondern auch weitere Benutzer-zentrierte Portalfunktionen anbieten und diese direkt mit dem Content verknüpfen.  Sie erleichtern somit Auf- und Ausbau einer Community Plattform, um Verlagen rund um ihre Inhalte ein Maximum an Kundenbindung und –loyalität zu ermöglichen. 


Wie funktioniert eine Suche in einer NoSQL-Datenbank?
Norbert Weitkämper: Der Unterschied zu SQL ist nicht so groß. Wesentliches Merkmal ist, dass die Daten keiner festen Struktur folgen müssen und NoSQL somit mehr Flexibilität bietet, gerade mit Dokumenten. Über getaggte Bereiche können Feldabfragen und Sortierungen erfolgen (Zoning), die über herkömmliche Indexstrukturen beschleunigt werden. Auch relationale Abfragen sind selbstverständlich möglich. Eine einfache Suche nach Text ist bei nahezu allen Systemen vorhanden, doch wird sie in XSEARCH ePS durch unsere erheblich leistungsstärkere Retrieval ersetzt, um professionelle Funktionen wie Facetten, Fehlertoleranz, Suggest oder Linguistik anzubieten. 

Wie müssen Inhalte aufbereitet sein, um so durchsuchbar zu werden?
Norbert Weitkämper: Dank der hohen Flexibilität von NoSQL gibt es weniger Ansprüche an den Inhalt. Aber auch hier gilt natürlich, dass von Nichts auch Nichts kommt. Metadaten wie Titel, Autor oder Jahrgang sollten vorhanden sein, um sie gezielt für Trefferliste oder Facetten anzuzeigen. Sie können automatisiert aus den Dokumenten ausgelesen, importiert oder auch direkt in unserem System vom Redakteur bearbeitet werden.   

Ist NoSQL immer die Antwort, oder machen SQL-Lösungen auch in Zukunft Sinn?
Norbert Weitkämper:
NoSQL ist für weniger stringente Daten wie Dokumente, Tweeds, Blogs oder Foren sehr charmant und überlegen. Auch sind die Systeme leichter zu skalieren und sehr performant. Dies zusammen macht sie für BigData sehr interessant. Für Anwendungen im Bereich strukturierter Daten mit starker relationaler Abhängigkeit, beispielsweise Warenwirtschaft, sehe ich keine Vorteile.  

Ihr Vortrag, den Sie auf dem CrossMediaForum, den Sie gemeinsam mit Thomas Kleffner halten, lautet: „Cross Media Publishing mit der XSEARCH PDF Publishing Suite am Beispiel der Fachzeitschriften des Klett-Cotta Verlags“. Was wird die Kernbotschaft sein?
Norbert Weitkämper: Wir zeigen den kompletten Workflow von den Satzdaten bis hin zum Online Publishing. XSEARCH ePublishing Suite bietet das Web basierte Managen der Dokumente, Lizenzen und Rechte im Backend bis hin zur Freigabe für die Online Aktualisierung. 

Mittwoch, 27. Mai 2015

NoSQL-Datenbanken: Kein Hype, sondern eine Schlüsseltechnologie für Verlage

Vor allem Verlage mit großen Mengen an Inhalten (Dokumenten) beschäftigen sich mit einer Technologie, die unter dem Namen „NoSQL-Datenbank“ immer weitere Verbreitung findet. Diese Datenbanken sind vor allem dann stark, wenn sehr viele unterschiedlich strukturierte Dokumente verwaltet und publiziert werden sollen. Christian Kohl, Referent auf dem nächsten CrossMediaForum, hat beim Verlag Walter de Gruyter diese Technologie eingeführt und erläutert im folgenden Interview, welche Gründe dafür ausschlaggebend waren und wo die Vorteile liegen.

Christian Kohl, de Gruyter
NoSQL ist das Zauberwort im Bereich Content Management. Worin liegt das Revolutionäre dieses Ansatzes?
Christian Kohl: Revolutionär ist sicher ein zu großes Wort. Je nach Anforderungen, Content-Typen und Mengen lässt sich auch mit SQL als Basis sehr gutes Content-Management betreiben. NoSQL, oder präziser dokumentenorientierte Datenbank ("document-oriented" oder "document store") als Unterklasse von NoSQL-DB sind dann wertvoll, wenn große Mengen von Dokumenten mit unterschiedlichen oder sogar sich verändernden Strukturen verarbeitet werden sollen. Das Neue an den dokumentenorientierten NoSQL Datenbanken (DB) ist, dass Dokumente nicht mehr 'geschreddert' werden müssen, damit sie in die Reihen/Zeilen Struktur einer relationalen DB passen, sondern i. d. R. das Dokument als solches in die DB eingespeist wird und diese dann entsprechende Operationen darauf ermöglicht. Hinzu kommt, dass diese DB häufig kein Schema erfordern, es also nicht im Voraus notwendig ist, alle aktuellen und möglichen künftigen Datenstrukturen zu definieren und zu modellieren, sondern die Dokumente 'as is' in die DB übernommen werden können. Damit ist ein schnellerer Start möglich, bspw. mit einem Rapid Prototyping Ansatz.
Welche Rolle spielt XML beim NoSQL-Absatz?
Christian Kohl: NoSQL hat erst einmal nichts mit XML zu tun. Da im Publishing Bereich der Content in den meisten Fällen in XML-Dokumenten vorliegt, wird NoSQL häufig synoym mit "document store" gebraucht. Es geht also um eine Unterklasse von NoSQL-DB, nämlich den dokumentorientierten, und hier noch einmal speziell den XML-Datenbanken. Eine SQL-Datenbank hat ein relationales Datenmodell als Grundlage, grob vereinfacht besteht alles aus Zeilen und Spalten, Werte stehen in Zellen. Eine dokumentorientierte NoSQL-XML-Datenbank hat als Datenmodell XML. Wenn der Anwendungsfall nun das Speichern und Verarbeiten von XML-Dokumenten ist, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass eine Datenbank, welche diese Dokumente unverändert speichern und bearbeiten kann, dafür besser geeignet ist, als eine relationale Datenbank, die den Content erst in Zeilen und Spalten zerhacken und dann jeweils wieder zusammensetzen muss. Rein technologisch betrachtet ist eine dokumentorientierte NoSQL-XML-Datenbank der best fit für Anwendungsfälle, bei denen große Mengen XML-Dokumente im Fokus stehen. Was nicht bedeutet, dass es nicht trotzdem andere Gründe geben kann, die dagegen sprechen.
De Gruyter arbeitet seit einiger Zeit mit einer NoSQL-Lösung. Was sind die wesentlichen Veränderungen? Worin liegen die Vorteile?
Christian Kohl: Die Vorteile liegen für uns auf der Performance und auf der Kostenseite. Wir setzen eine NoSQL XML DB ein, die gleichzeitig auch noch eine Suchmaschine ist. Dadurch sparen wir einerseits Lizenzen und /oder Implementierungskosten für eine separate Suchmaschinenlösung, andererseits profitieren wir von der deutlich besseren Performance der XML-DB im Vergleich zu einer relationalen Lösung. Konkret bedeutet das für uns bessere Skalierbarkeit und niedrigere Hostingkosten.
Die größte Veränderung ist das konzeptionelle Umdenken, wenn man aus der relationalen Welt kommt. Kein DB Schema mehr, keine aufwendige Normalisierung, Xquery statt SQL als Abfragesprache. Glücklicherweise ist das für uns als Verlag relativ einfach gewesen, da wir ohnehin XML Know-how im Haus haben. Insofern stellen Xquery und xslt keine Hürden für uns dar. Das kann in anderen Firmen sicher schwieriger sein, wenn Mitarbeiter lange Jahre SQL Erfahrung haben und jetzt radikal umdenken müssten.
Wenn ich ein NoSQL-Konzept umsetzen will – was muss ich dabei besonders beachten?
Christian Kohl: Wie bei der letzten Frage schon erwähnt, sind die Menschen und ihre Fertigkeiten mit das Wichtigste: muss ich möglichweise Umschulungen durchführen, interne Widerstände überwinden? Haben meine Dienstleister das nötige Know-how, denn Xquery ist noch längst nicht so weit verbreitet wie SQL? Daneben gibt es aber auch technische Aspekte: Was sind meine Anforderungen an Konsistenz, Sicherheit, Wiederherstellung, Backup? Je nachdem, wie hier die Anforderungen aussehen, scheiden einige populäre NoSQL Lösung sofort aus. Schließlich noch der Aspekt der Nachhaltigkeit: Wie etabliert ist die Software, die ich einführen möchte, welchen Support gibt es, welche Dienstleister? Hier gibt es große Unterschiede je nach Software im Vergleich zu SQL. Für Oracle oder Microsoft DB findet sich bspw. jederzeit überall ein Dienstleister, der helfen kann. Bei einigen NoSQL-Lösungen wird es schon schwieriger unter Umständen.
Neben kommerziellen Lösungen gibt es auch Open Source-NoSQL-Datenbanken.  Welche Vor- und Nachteile sehen Sie für diese beiden Ansätze?
Christian Kohl: Es gelten grundsätzlich erst einmal dieselben Vor- und Nachteile wie bei nicht-DB Software auch. Bei den dokumentorientierten No-SQL Datenbanken kommt allerdings hinzu, dass es meines Wissens aktuell nur eine Datenbank gibt, welche die ACID-Kriterien erfüllt. Das wird gerne auch als "enterprise feature" bezeichnet. Wenn ich diese Dinge benötige, bspw. um jederzeit ein Rollback machen zu können, Konsistenz zu gewährleisten oder weniger verwundbar gegen Hardwareausfälle zu sein, dann gibt es momentan keine echte Alternative zu der kommerziellen Variante. Aber nicht alle Anwendungsszenarien benötigen diese Features, insofern haben auch OpenSource-Lösungen ihren Platz. 
Ist NoSQL immer die Antwort, oder machen SQL-Lösungen auch in Zukunft Sinn?
Christian Kohl: Natürlich gibt es auch weiterhin Anwendungsszenarien, in denen SQL-Lösungen Sinn machen. Es wird aber sicherlich eine Verschiebung geben, bei der NoSQL mehr und mehr Gewicht gewinnen wird. Gerade im Kontext von "Big Data" und Echtzeit-Anwendungen im Web gibt es sehr viele Fälle, in denen NoSQL technologisch betrachtet die bessere Lösung ist. Nicht umsonst haben Unternehmen wie Facebook oder Google, deren Existenzgrundlage große Datenmengen sind, eigene NoSQL-Datenbanken entwickelt und im Einsatz. 
Ihr Vortragsthema auf dem CrossMediaForum lautet: Crossmedia-Publishing mit NoSQL-Techniken: Möglichkeiten, Einsatzszenarien, Bewertung. Was wird die Kernbotschaft sein?
Christian Kohl: Die Kernbotschaft wird im Wesentlichen eine Synthese aus dem oben gesagten: NoSQL bietet für dokumentlastige Anwendungen, wie sie bei uns Verlagen nun mal im Vordergrund stehen, große Potenziale hinsichtlich Performance, Kosten, time to market und Flexibilität. Dass die meisten großen Verlage inzwischen eine solche Technologie einsetzen, spricht für sich. Dass kleinere Verlage es häufig noch nicht tun, ebenfalls. Wie bei jeder neuen Technologie gibt es Einstiegshürden und Unsicherheit, ob es wirklich nützlich oder nur der nächste Hype ist, von dem in zwei Jahren niemand mehr spricht. Ich glaube nicht, dass es ein Hype ist, sondern für unseren Sektor gute Chancen hat, zu einer Schlüsseltechnologie zu werden.

Donnerstag, 10. April 2014

CrossMediaFoum 2014: Alles im Fluss: Crossmedia-Workflows für effektive Publikationsprozesse

Das 16. CrossMediaForum geht am 10. Juli 2014 in München der Frage nach, wie Inhalte am intelligentesten und effektivsten vom Erzeuger auf die vielen Endgeräte der Nutzer kommen. Unter dem Motto "Alles im Fluss: Crossmedia-Workflows für effektive Publikationsprozesse" werden anhand von Fallbeispielen innovative Lösungskonzepte präsentiert.

Neu: Kostenlose Erstberatung zu den Themen CMS und Workflow-Optimierung

Zum ersten Mal bieten wir exklusiv für die Teilnehmer des CrossMediaForums eine kostenlose Erstberatung zu den Themen Content Management und Workflow-Optimierung an. Wenn Sie über die Verbesserung Ihrer Content-Infrastruktur nachdenken und von Experten eine kompakte Einschätzung erhalten möchten, dann bieten wir Ihnen dazu am Vortag (09.07.2014) die Gelegenheit: Treffen Sie uns im Hotel Maritim zu einem vertraulichen Gespräch. Weitere Informationen zu diesem exklusiven Angebot finden Sie auf unserem Infoblatt.

Programm

  • Kooperation und Kollaboration: Workflows und Prozesse als Führungsaufgabe Thorsten Schlaak, assoziierter Partner, Heinold, Spiller & Partner Unternehmensberatung
  • Erfolgreiches Multi-Channel-Publishing mit intelligentem Produktdatenmanagement – Best Practice PONS Ralph Kissner, Geschäftsführer, Six Offene Systeme
  • Wenig Work, viel Flow: Automatische EP-Produktion mit Xaver anhand von aktuellen Fallbeispielen Carsten Oberscheid, Geschäftsführer, doctronic
  • Effizienz (Redaktion) und Qualität (Produkte): Die Quadratur des Kreises durch workflowoptimiertes crossmediales Publizieren anhand von Fallbeispielen Daniel Brün, Geschäftsführer, Saltation
  • Der intelligente Content Pool: Die Revolution für neue Produkt- und Vermarktungsformen in Verlagen am Beispiel der FAZ Alexander Siebert, Geschäftsführer, Retresco
  • Konsequent effizient durch Integration und Optimierung: XML-basiertes Publizieren beim Schattauer Verlag Jan Haaf, Geschäftsführer, Schattauer Verlag
  • Durchgängiger XML-Workflow mit externen Autoren – aufgezeigt an Praxisbeispielen Mario Kandler, Geschäftsführer, nbsp
  • Verkaufsfördernde Empfehlungen in Online-Kanälen mit semantischen Meta-Daten Prof. Dr. Heiko Beier, Geschäftsführer, Moresophy
  • 20 minutes to get in flow: Prozessaufnahme mit in|FLOW am Beispiel der Verlage Fischer und Rowohlt Dr. Carsten Ritterskamp, Sebastian Wiemer, Senior Consultants, Adesso
  • COMPUTERWOCHE: Waschzettel des IDG Verlags für intuitives XML-Crowd-Publishing Stefan Huegel , Director Digital Media, IDG Business Media, Matthias Kraus, Geschäftsführer, appsoft Technologies
  • Viele Wege, eine Redaktion: Content First, Print First, Digital First Thomas Kind, Senior Consultant, InterRed GmbH, Marco Parrillo, Projektleitung digitales Publizieren, Neue Mediengesellschaft Ulm mbH

Termin, Ort, Konditionen

Das CrossMediaForum findet am 10. Juli 2014 in München im Hotel Maritim statt. Die Teilnahmegebühr beträgt 100 EUR mit dem Frühbucherrabatt (bis zum 30. Mai 2014), danach 150 EUR (jeweils zzgl. Mehrwertsteuer). Sie können sich hier sofort per E-Mail anmelden oder das Anmeldefax downloadn und sich so den Frühbucherrabatt sichern!

Montag, 7. April 2014

Crossmediale Kundenbindung 2.0: Publishers' CRM Conference und Seminar am 26. und 27.06.2014

Zusammen mit dem Siegfried Vögele Institut (SVI) veranstalten wir am 26. und 27. Juni 2014 in Königstein (Taunus) die 6. Publishers' CRM-Conference und das 4. Publishers' CRM-Seminar. Kernfrage dieses Mal: Wohin mit all den Kundendaten? Die Antwort: Lenken Sie sie in die richtigen Bahnen, am besten mittels Marketing Automation und wirkungsvoller Crossmedia-Strategien. Nach der Devise "Viel Hilft nicht immer viel!" geben Ihnen CRM- und Verlagsprofis wertvolle Tipps zur intelligenten Analyse und Nutzung wachsender Datenmengen. Profitieren Sie von aktuellen Studien und Fallbeispielen.

Das Programm der Publishers' CRM Conference

  • Nachhaltige CRM-Strategien: Nutzen Sie Ihre Kundenbindungs-Treiber! Claudia Knoblauch, Ass. Director MediaResearch, TNS Infratest, und Silvia Mühlbach, Senior Consultant Verlage, SVI
  • Zielgruppenorientiertes Kampagnen-Management bei der wissenschaftlichen Buchgesellschaft Dr. Holger Wochnowski, Geschäftsleitung Marketing, WBG
  • Testen - Messen - Testen: Kundenbeziehungen auf die Erfolgsspur setzen Prof. Dr. Peter Lorscheid, Leiter CRM & Dialog-Controlling, SVI
  • Messe-Besucher und Aussteller akquirieren: über alle Kanäle hinweg Jan Wilhelm, Gruppenleiter Database-Marketing und Direktmarketing, Köln Messe
  • Print-Mailing und E-Mailing automatisiert steuern Benjamin Walther, optivo
  • 1 plus 1 macht 3: Erfolgscases zu Print-Mailing plus E-Mailing Dr. Alexander Plum, Senior Expert Online Marketing Solutions Development, Deutsche Post AG

 

Publishers' CRM Seminar:Ganzheitliches CRM – Drei Herausforderungen aus der Praxis

Anhand von drei zentralen Fragestellungen im Verlagswesen wird demonstriert, wie erfolgreiches CRM abteilungsübergreifend angewendet werden sollte. Das Seminar gliedert sich auf in zwei Teile: 

Teil I: 3 Impuls-Vorträge
  • CRM-Strategie: was am Ende zum Erfolg führt
  • Flexible Abo-Modelle: Herausforderung im CRM
  • Kundenmanagement: Kundenbindung erhöhen
Teil II: 3 parallel stattfindende Workshops
  • Workshop 1: CRM-Strategie "Markteinführung" Anhand eines Fallbeispiels aus der Verlagspraxis wird 1) eine Marketing- und Vertriebs-Strategie für eine Titel-Einführung entwickelt und 2) deren CRM-basierte Umsetzung geplant.
  • Workshop 2: Flexible Abo-Modelle Anhand eines ausgewählten Abo-Modells legen die Teilnehmer die Implementierungs-Schritte fest. Welche Herausforderungen muss das CRM für eine reibungslose Einführung bewältigen?
  • Workshop 3: Kundenmanagement Welche Kennziffern, Informationen und Analysen helfen, den optimalen Kundenbindungs-Ansatz zu finden? Anhand eines Fallbeispiels werden Treiber und Hemmnisse identifiziert.
Referenten:
  • Prof. Dr. Peter Lorscheid, Siegfried Vögele Institut
  • Ulrich Spiller, Heinold, Spiller & Partner
  • Silvia Mühlbach, Siegfried Vögele Institut
Das Seminar können Sie zur Conference dazubuchen. Weitere Informationen und Anmeldung auf der SVI-Website.

Donnerstag, 20. März 2014

Fachbuchinhalte durch Digitalisierung effektiver zugänglich machen – Interview mit Guido F. Herrmann

Bei der Digitalisierung von Fachbuchcontent befinden sich Verlage und ihre Kunden auf einer gemeinsamen Reise. Damit sie auf dieser Reise nicht verloren gehen, benötigen Verlage Kompetenzen, um die Möglichkeiten des digitalen Mediums sinnvoll zu nutzen, sagt Dr. Guido F. Herrmann, Verlagsleitung Chemie beim Georg Thieme Verlag und Key Note-Speaker auf der 1. Exklusiv-Tagung Fachbuch, die am 27. März 2014 in München stattfindet.

Giodo F. Herrmann
Welche Strategie verfolgt Thieme beim digitalen Fachbuch?
Dr. Guido F. Herrmann: Thieme verfolgt eine Strategie, die vorhandenen Fachbuchinhalte in verschiedenen Formaten (gedrucktes Buch, PDF, ePub, Online) zu verwerten und zu vermarkten. Dabei binden wir aktiv unsere nationalen und internationalen Handels-und Vertriebspartner ein. Für einige Inhalte (z.B. Lexika) ist die Digitalisierung nun vollständig vollzogen. Bei anderen Formaten (z.B. Lehrbüchern) wird die gedruckte Ausgabe ergänzt um verschiedene digitale Formate.

Wie weit ist der Weg von einem Fachbuch zu einer interaktiven App?
Dr. Guido F. Herrmann: Ich denke, dass die Grundlage für alle Verwertungsformen eine entwickelte digitale Produktionsstrecke auf der Basis XML ist. Diese beginnt beim Autor und ermöglicht die Verbreitung der Inhalte in unterschiedlichen Verwertungsformen. Allerdings geschieht dies dann nicht „auf Knopfdruck“, schafft aber die notwendigen Voraussetzungen.

Wo stehen die Kunden? Nutzen sie die verschiedenen Medienkanäle parallel, gibt es Substitutionseffekte oder können ganz neue Kundengruppen erschlossen werden? Und sind sie bereit, für digitale Inhalte angemessene Preise zu zahlen?
Dr. Guido F. Herrmann: Bei den Kunden muss man m.E. unterscheiden in institutionelle Kunden und individuelle Käufer. Das institutionelle Geschäft mit Hochschulen und Industrie ist sehr weit entwickelt. Thieme beliefert diese Kunden seit 10 Jahren sehr erfolgreich mit digitalen Inhalten. Die Fachzeitschriften waren der Vorreiter, gefolgt von Referenzwerken, den Lexika , den Lehrbüchern und den Monographien.
Bei den Endkunden stehen die digitalen Formate noch nicht so im Zentrum des Kaufverhaltens. Wir sprechen unsere Kunden mit unterschiedlichen Angeboten an: vom Kauf eines gedruckten Buchs in unserem Webshop bis zu einem Flatrate Angebot für den unbegrenzten Online-Zugriff auf Lehrbuchinhalte reicht das Spektrum.

Ihr Vortrag auf der 1. Exklusiv-Tagung Fachbuch lautet „E-Book, Web-Lösung oder interaktive App? Digitalstrategien für Fachbücher.“ Was wird die Kernbotschaft sein?
Dr. Guido F. Herrmann: Die Kernbotschaft lautet, dass sich Anbieter und Nutzer gemeinsam auf einer spannenden Reise befinden. Das Ziel muss sein, das Wissen in den Fachbüchern effektiver den Nutzern zugänglich zu machen. Dabei benötigen die Fachverlage die Kompetenz, die Möglichkeiten des digitalen Mediums sinnvoll zu entwickeln und die Inhalte darauf einzustellen.

Freitag, 7. März 2014

"Mobilität, Interaktivität, Konnektivität, Multimedialität, Competition? Fehlanzeige" - Katja Splichal über die Defizite digitaler Fachinformationsangebote

"Die E-Book-Konjunktur geht am Fachbuch vorüber", stellt Katja Splichal, Leitung Lernmanagement Systeme beim Ulmer Verlag, im folgenden Intterview fest. Ihre Ursachenanalyse: fehlende Offenheit für neue Geschäftsfelder und Erlösmodelle sowie zu wenig Infragestellung gegenwärtiger Produkte und ihrer Entstehung. Diese provokanten Thesen erläutert Katja Splichal auch auf der 1. Exklusiv-Tagung Fachbuch, die am 27. März 2014 von der Buchakademie in München durchgeführt wird.

Katja Splichal
Die E-Book-Konjunktur scheint am Fachbuch bisher ziemlich spurlos vorübergegangen zu sein. Täuscht der Eindruck?
Katja Splichal: Ich glaube, das ist nicht nur ein Eindruck. Die E-Book-Konjunktur geht am Fachbuch tatsächlich vorüber – das hält aber längst nicht alle davon ab, digital Umsätze zu machen. Gerade im Fachbuch mussten, gewissermaßen erzwungen von institutionalisierten Märkten und nicht-linearen didaktischen Konzepten, schon vor zehn, 15 Jahren alternative Geschäftsmodelle entwickelt werden. Dennoch weichen bei vielen Verlagen die erwirtschafteten Umsätze von den Erwartungen ab – in die unliebsame Richtung. Das E-Book zum Fachbuch macht in vielen Fällen zudem keinen großen Sinn, weil eine Konvertierung in Richtung HTML, also optimiert für mobile Endgeräte, oft schwer bis unmöglich ist. Da fällt viel Umsatzpotenzial weg oder müsste sehr risikoreich erschlossen werden.

Was sind die Ursachen für diesen langsamen Veränderungsprozess: Ist der Transfer z. B. eines Lehrbuchs in ein E-Book zu komplex? Oder liegt es an den Kunden, die nur für gedruckte Inhalte zahlen?
Katja Splichal: Das Fachbuch ist vielfältig – ich würde daher eher von Fachinformation reden, inmitten derer wiederum zum Beispiel das Schulbuch eine sehr gesonderte Position einnimmt. Hier spielt das Vorhandensein entsprechender Endgeräte eine tragende Rolle, ebenso wie die berechtigten Ressentiments seitens der Eltern. Wo kein Markt, da kein E-Book und umgekehrt. Beim Blick auf bestehende Fachinformationsangebote, naturgemäß mit dem kritischen Blick der verwöhnten Digital Natives, stellt sich mir die Lage gänzlich anders dar: kompliziert, unübersichtlich, preisintensiv und (Entschuldigung) oft leider auch uninspiriert bis leidenschaftslos. Für die heute 30-Jährigen reicht das manchmal nicht. Mobilität, Interaktivität, Konnektivität, Multimedialität, Competition? Oft Fehlanzeige. Von „Style“ und „responsive Design“ fangen wir besser gar nicht erst an. Komplexer als das Büchermachen ist das auch nicht – es ist nur etwas völlig Neues, und das erfordert Veränderung.

E-Learning galt viele Jahre als ein attraktives Feld für Verlage. Fakt ist: Es gibt einige Erfolgsbeispiele, aber die meisten Fachbuchverlage sind noch immer Fachbuchverlage und keine contentorientierten Lösungsanbieter. Woran liegt das?
Katja Splichal: Ich vermute, dass der Innovationsgeist noch in seiner Flasche sitzt. Da hat er ja auch seit der Erfindung beweglicher Lettern friedlich geschlummert. Ich höre immer wieder das Argument: „Wir müssen uns auf die Sachen konzentrieren, mit denen wir das Geld verdienen – und das ist Print“. Finde ich persönlich auch toll, vor allem, wenn es gelingt, Umsatzrückgänge durch straffere Workflows und optimierten Longtail zu puffern. Aber auch damit ist irgendwann Schluss, und dann sollte man mit neuen Geschäftsmodellen bereit stehen und möglichst nicht erst mit der Umsetzung beginnen, wenn die Polster aus guten Jahren aufgebraucht sind. Ich halte es zudem für schwierig, bei dünner werdenden Personaldecken noch Raum (in den Köpfen) und Zeit (im Terminplaner) zu schaffen für wirkliche Innovation. Vielleicht bezahlen einige auch unseren jungen, kreativen, dynamischen, technikaffinen und weborientierten Nachwuchs zu schlecht, wer weiß.

Was muss sich in einem Verlag ändern, wenn er sich von der Buchmetapher löst und ganz neue Wege in der Produktkonzeption beschreitet? 
Katja Splichal: Erstens Einsicht in die Notwendigkeit. Zweitens Gefallen an den sich daraus ergebenden Herausforderungen, drittens Schulung, Weiterbildung, Zukauf von Know-how = Personalaufbau, viertens Mittelfreistellung oder -beschaffung und fünftens die deutlich und unmissverständlich ausgesprochene und gemeinte Erlaubnis an sich selbst und die Mitarbeiter, endlich Fehler zu machen. Der einzige Fehler ist, keine zu machen.

Ihr Vortrag auf der 1. Exklusiv-Tagung Fachbuch lautet „Crowdsourcing, Data-Mining und digital to print – Vom Lehrbuch zum E-Learning und zurück“. Was wird die Kernbotschaft sein?
Katja Splichal: Ich gehe davon aus, dass die Kernbotschaft eines solchen Vortrags für alle Zuhörenden jeweils eine unterschiedliche ist. Was ich vor allem anregen möchte, sind eine grundlegende Offenheit für neue Geschäftsfelder und Erlösmodelle sowie die Infragestellung gegenwärtiger Produkte und ihrer Entstehung. Ohne Inhalte ist alles nichts, völlig klar, beim Ulmer Verlag stellen wir aber gerade in Frage, welche Aufgaben uns als Verlag bei ihrer Erstellung, Aufbereitung und Verbreitung im Fachbuch zukommen – und die Antwort darauf würde ich in München gern geben.

Das Interview ist im HSP-Newsletter März 2014 erschienen.